Typologie der Begegnungen

Leben besteht aus Begegnung. So ganz ohne geht es nicht. Selbst der einsame Jäger, der in der Abgeschiedenheit der Wildnis seine Ruhe und den sprichwörtlichen Frieden zu finden versucht, ist vor Begegnung nicht gefeit. Auch wenn sich ihm nur sein eigenes Spiegelbild dazu anbietet.

Da trifft man also auf Dinge wie die Natur, die darin vorkommenden Tiere und allem voran andere Menschen. Dass gerade der Mensch in seiner DNA-Struktur ohne Zweifel über andere Spezies erhaben ist, zeigt sich unter anderem in der Typologie der Begegnungen:

Die Humorvolle

«Das Essen heute sieht mal wieder nach Notfallaufnahme aus, was meinen Sie?»
Gedachte Antwort: «Oh Gott, wie recht sie doch haben. Mein Magen dreht sich nur schon beim Anblick um.»
Vorbildliche Antwort: «Wir treffen uns dort. Sagen wir in 30 Minuten? Reservieren Sie schon mal ne Liege für mich mit.»

Die Kitschige

«Glaub mir, wir sind wie zwei suchende Kometen im Universum, die endlich zueinander gefunden haben.»
Gedachte Antwort: «Was geht ab? Hast du was geraucht?»
Vorbildliche Antwort: «Oh ja, Liebling. Und jedes Mal wenn wir uns berühren, erzeugen wir Sternschnuppen und erhellen die Nacht.»

Die Fragwürdige

«Entschuldigen Sie! Ich verstehe nicht, weshalb ich mein Kind mit zur ärztlichen Kontrolle bringen muss.»
Gedachte Antwort: «Entschuldigen Sie, aber lassen Sie ihr Auto für den jährlichen Service beim Garagisten auch zu Hause?»
Vorbildliche Antwort: «Werte Frau, der Kinderarzt muss Ihre Tochter untersuchen, damit er eine Diagnose stellen kann.»

Die Surreale

«Welche von den blauen Tellern hätten Sie denn gerne. Azur oder Marine?»
Gedachte Antwort: «nett, dass sie nachfragen, Sie Klugscheisser!»
Vorbildliche Antwort: «Scheiss auf blau, ich nehm dann doch lieber die Grünen. Die Moosgrünen.»

Die Unglückliche

«Ich wollte, wir wären uns früher begegnet.»
Gedachte Antwort: «Ach, wie sehr ich mir das auch wünschte. Geh nicht. Noch nicht. Bleib einfach noch eine kleine Weile.»
Vorbildliche Antwort: «Geniessen wir das Jetzt. Diesen Augenblick.»

Die Unausweichliche

«Ich muss Ihnen leider mitteilen, dass Ihr Zahn nicht mehr zu retten ist.»
Gedachte Antwort: «Na, dann mach den Müll endlich raus, du Fressenklempner. Jetzt, jetzt, jetzt! Ich ertrage diese Höllenschmerzen nicht mehr!»
Vorbildliche Antwort: «Grggglggggl!»

Hier könnten etliche weitere Beispiele stehen. Unerschöpflich das Mass an Möglichkeiten. Fakt ist jedoch: Was aus einer Begegnung entsteht, hat jeder selbst in der Hand. Mit einer unerwarteten Äusserung kann eine Begegnung eine völlig andere Wendung nehmen, als man es erwartet oder sich erhofft hat. Doch erst dadurch bleibt das Leben in Bewegung, bleibt es spannend.

Des Froileins liebste Begegnungen sind die Unerwarteten. Diejenigen, die in sein Leben platzen, ohne gefragt zu haben. Diejenigen, die überraschend erfrischend sind, die es zum Nachdenken, zum Lachen und zum Weinen bringen. Diejenigen, bei denen sich das Froilein beim Gedanken ertappt: «wo zum Teufel hast du so lange gesteckt?» Es sind auch die Begegnungen, die das Froilein nur ungerne wieder loslässt, gerade weil sie bereichernd und inspirierend sind.
Doch auch das gehört zu einer Begegnung. Egal, wie lange sie dauert, sie ist vergänglich. Zurück bleiben Erinnerungsstücke, die den Weg für weitere Begegnungen ebnen.

Trilogie im Park

Letztens verbrachte ich auf einer Bank sitzend an einem der wärmsten Spätsommerabende des Jahres eine Weile im Park. Ich wartete.

Auf jemanden oder etwas zu warten, ist verpönt. Warten wird mit Faulheit, Nichtstun und Langeweile gleichgesetzt. Warten bedeutet «Zeit totschlagen». Und schliesslich ist Zeit auch Geld. Nicht umsonst sind wir so stolz auf unsere Punktgenauigkeit. Kein Quantum an Zeit soll vergeudet und bis zur letzten Sekunde mit nützlicherem als Warten aus- oder aufgefüllt sein.

Oft vergessen wir – in der Regel, weil man gerade nichts mit der Wartezeit oder sich selber anzufangen weiss – dass beim Warten sich die Welt weiter dreht. Dass Dinge geschehen. Um uns herum und auch mit uns. 
Weshalb also nicht zulassen, nächstes Mal beim Warten die Gedanken auf Reisen zu schicken, statt zwanghaft ständig auf die Uhr zu schauen? Ich verrate Ihnen etwas: Diese Zeit, sie vergeht wie im Fluge.

8 mal 10 Meter

Artenvielfalt auf zwei Beinen
nicht grösser als einszehn
immer wieder
friedlich miteinander ringend
Staub wird wortlos abgeklopft
übrig bleiben Gesten
eine Umarmung
die heilt
Vielleicht auch zwei.

Um gleich darauf
Die nächste kleine Welt
zu erobern
hinabzutauchen
in die Tiefen
der unberührten Fantasie
Stets im Schutz der Linden
Sie spenden Schatten
wie auch Zeit.

Aussen vor die Grossen
einssechzig oder mehr
erstarrt in Zeit und Raum
sie fürchten sich davor
auch nur einen Fuss
in diese Welt zu stellen
die einer Seifenblase gleicht
die Grenzen ziehen
wo keine sind.

Gedankenreise

Ich wollte,
ich könnte
hinter deine Fassade gucken.
Immer dann,
wenn du durch mich hindurchblickst,
als wäre ich
nicht existent.
Immer dann,
wenn deine Augen offen sind für all das
da draussen.
Was gäbe ich für diesen einen
Gedanken,
der in dir reift.
Den einen unter vielen.

Auf der Parkbank

Spätsommerlicht tropft
wie Honig durchs Laub
ergiesset sich im Schwall
über die Wiese.

Meine Gedanken hüpfen
sind drunter und drüber
werden fortgezogen
wieder angespült.

Währenddessen
fünf Spatzen
zupfen, zerren, zerlegen
ein Blatt Papier.

In kleinste Einzelteile
welche jemand erst vor kurzem
noch zusammen fügte
mit Liebe oder auch nicht.

Sie erheben sich
beim nächsten Windstoss
tun es den Spatzen gleich
über die Wipfel hinweg.

Mein Blick, der ihnen folgt
verfängt sich in den Ästen
der Linde
bleibt dort sitzen.

Und ruht sich aus.

Ein Appell oder wie sag ich’s mit einfachen Worten

Obwohl mir politisieren nicht liegt, will ich heute Partei ergreifen. Mag mir die Fähigkeit zu polemischem «Geschnorre» auch völlig abgehen und ich inzwischen viel zu oft auf Göschenen-Airolo stelle (unterdessen Erstfeld-Biasca), wenn sich Politgrössen auf Bühnen profilieren, die einfache Arbeiter für sie errichtet haben, mag es mir an schlagkräftigen Argumenten fehlen, die meine Ansicht ins rechte Licht rücken, so werde ich heute dennoch Partei ergreifen. Einfach, weil es sonst niemand tut.

Einzig und alleine für meinen Beruf. Einer der keine Lobby hat. Einer dem Stillschweigen, Geduld und Bescheidenheit in vollem Umfang aufgebürdet wurde. Einer, der von der Gesellschaft immer noch und immer wieder in eine Schublade gesteckt wird, die längst marode auseinander zu fallen droht. Auf Handlanger der Männer in Weiss, Blutsauger und Popowischer werden wir gerne reduziert. Weshalb sich dieses Bild hartnäckig in den Köpfen der Bevölkerung hält, bleibt mir ein Rätsel.

Wenngleich ich eine dreijährige Ausbildung, ich mir Wissen durch Weiterbildung angeeignet und inzwischen 20 Jahre Berufserfahrung habe, gibt es Tage wie heute, an denen ich zweifle, überhaupt jemals in den Genuss von Bildung gekommen zu sein.

Das mag am Telefonat liegen, in dem mir ein Vater erklärt, wie Scheisse ich meine Arbeit mache, weil ich ihm keinen Arzttermin für sein Kind anbieten kann, der sich mit all seinen wichtigen Verpflichtungen wie an Geschäftsaperos teilnehmen, Biken und Gleitschirmfliegen vereinigen lässt. Dass sein krankes es Kind ist, welches ihm eigentlich dabei in die Quere kommt und er seinen Tagesablauf folglich umorganisieren muss, lässt er unausgesprochen im Raum stehen. Allzu gerne erklärt er mir, wie ich meine Arbeit zu erledigen habe, nicht ohne reisserischen Unterton. Die blöde Kuh am anderen Ende der Leitung ist ja «nur» eine Pflegefachfrau. Ohne mich überhaupt zu kennen, disqualifiziert er mich nicht nur als Menschen sondern greift eine Berufsgruppe an, von der er so viel versteht, wie ich vom Fliegenfischen.

Vielleicht mag es auch daran liegen, dass ich nach einer langen, anstrengenden Schicht nach Hause fahre und in den Nachrichten höre, dass – obwohl die Nachfrage für Ausbildungsplätze steige, vermehrt auch ausgebildet werde – es in der Schweiz dennoch an qualifizierten Pflegefachkräften mangle. Mir dabei nur ein gequältes Lachen im Hals stecken bleibt, ich es runterwürge und mir denke: mögen noch so viele Pflegefachkräfte ausgebildet werden; dem Spardruck in Spitälern und Heimen werden auch die neuen Generationen von Fachkräften zum Opfer fallen. Diesem Umstand zu verdanken ist, dass sich immer mehr qualifizierte Pflegefachkräfte davonmachen, um nie mehr in den Beruf zurückzukehren. Diese Lücken werden kurzerhand mit «günstigeren» Fachkräften aus dem Ausland geschlossen. Eine Rechnung die irgendwie nicht aufgehen mag, so oft ich sie auch drehe und wende.

Oder es mag daran liegen, dass zwischenzeitlich ein Teil der Gesellschaft mehr über meinen Beruf und demjenigen des Arztes zu verstehen glaubt, als ich selbst. Weil sich digitale, wenn auch unseriöse Informationen bei übermotivierten Besserwissern eher ins Hirn brennen als die Empfehlung dreidimensionaler Fachpersonen. Zwangsläufig stellt sich mir die Frage, weshalb es uns eigentlich noch braucht und lande unweigerlich wieder beim Bild der Popowischerin. Hier schliesst sich zum ersten Mal ein Kreis.

Oft rufe ich mir einen Moment in Erinnerung, den ich Costa Rica vor ein paar Jahren gesehen habe, als ich an einem Hospital vorbei ging. Es war Nachmittag und vor der Hauptpforte warteten in einer Schlange stehend weit mehr als 50 Personen auf Einlass, um behandelt zu werden. Etliche waren wohl weit angereist um überhaupt eine Behandlung zu bekommen, ich konnte kaum erahnen, wie lange sie schon der subtropischen Hitze dort ausgesetzt waren. Sechs Stunden später ging ich – längst war es dunkel – denselben Weg zurück und sah sie immer noch dort stehen, geduldig ausharrend. Und plötzlich schäme ich mich: für meine Generation, für die Menschen in der Zeit und den Ort, in den ich hineingeboren wurde. Dort, wo alles machbar ist, sich niemand grämen muss, wie er zum nächsten Hospital gelangt. Wo es alles gibt und noch viel mehr. Ich schäme mich für den besserwisserischen Vater, dem Hobbies wichtiger sind, als sein krankes Kind, ich schäme mich für die überterminierten Dauerstänkerer, die sich bereits nach 15 Minuten über ihre elend lange Wartezeit beklagen, ich schäme mich für die Erwartungen gewisser Politiker und gewisser Verbraucher an unser Gesundheitswesen. Die Erwartungen, die unbeschreibliche Ausmasse annehmen und dabei immer mehr Geld verschlingen. Würde man sie mal ein bisschen herunterschrauben, wären wir immer noch Lichtjahre von dem entfernt, was ich in Costa Rica gesehen habe, dennoch ein bisschen näher dran. Näher dran am Menschen. Zu guter Letzt schäme ich mich für die inexistente Verantwortung der Gesellschaft dem Thema Krankheit und Gesundheit gegenüber. Ein Thema, so scheint es mir, das jede und jeden betrifft, zumindest jene, die ihren Körper lieben und ihm Gutes tun wollen. Diese Verantwortung wird allzu gerne ausgelagert, delegiert, verkommt gar zum Abbauprodukt.

Immer wieder klingen die Aussagen meiner Kolleginnen in mir nach: «du musst wegstecken können, einfach weitermachen, nichts persönlich nehmen.» Sie fürchten Sanktionen. Man bleibt lieber still. Des Friedens Willen. Für mich hört hier und heute das Wegstecken auf. Es mag unprofessionell wirken, dennoch ergreife ich Partei, weil ich sagen will: wir Pflegefachfrauen sind Menschen mit Gefühlen, keine Roboter.

Wir sind nicht dazu da, den Frust aufzufangen, der sich in Ihrem Leben aufgebaut und angestaut hat, der in der Regel durch eigene Unzufriedenheit entsteht und nicht durch Dritte verursacht wird.
Wir sind nicht dazu da, Ihnen die Verantwortung für sich, ihr Kind oder ihre Krankheit abzunehmen. Über Ihre Gesundheit entscheiden Sie immer noch selbst.
Wir sind nicht dazu da, Ihnen zu bestätigen, was sie gerne hören möchten. Es steht in keiner Stellenbeschreibung, dass wir uns dazu verpflichten, den Patienten anzulügen.
Wir sind nicht dazu da, uns  – weder verbal noch physisch – treten zu lassen, weil Sie sich dafür berechtigt halten. Es existiert keine Sonderklausel, die Sie dazu befugt.

Aber,
wir sind dazu da, Ihnen Wissen zu vermitteln, Sie theoretisch und praktisch anzuleiten, Sie in schweren Lebensmomenten zu begleiten und Ihnen helfend beiseite zu stehen, damit sie von uns Gelerntes in die Tat umsetzen können. Damit Hilfe zur Selbsthilfe nicht nur eine Floskel bleibt.
Wir sind dazu da, Ihnen zuzuhören, Ihre Sorgen auch ein bisschen zu teilen, wenn Sie nicht mehr weiter wissen oder können.
Wir sind dazu da, durch Informationen aus erster Hand Ihre Ängste abzubauen, im besten Falle ganz auszuräumen.
Wir sind dazu da, Ihr Recht bei anderen Berufsgruppen zu vertreten, Ihnen eine Stimme zu geben, dann, wenn Ihnen schlichtweg die Worte fehlen.
Und ja, wir sind auch dazu da, Ihnen Blut abzunehmen, den Katheter zu wechseln oder den Po und Erbrochenes abzuwischen, Sie zu waschen, Sie an- und auszukleiden, Ihnen das Essen einzugeben, daraufhin die Zähne zu putzen und die Haare zu kämmen, sollten Sie selbst dazu noch nicht oder nicht mehr in der Lage sein.
Aber nicht nur.

Vielleicht stehen Sie in der kommenden Wintersaison wieder mal für geschlagene 45 Minuten an einem Skilift an, nur um einer Abfahrt durch den Pulverschnee willen. Dann denken Sie bitte daran, diese Geduld auch beim nächsten Arztbesuch aufzubringen. Vielleicht ist vor Ihnen jemand an der Reihe, der ein wenig länger benötigt, um in den Sessel zu steigen oder dessen Skier sich verheddert haben. Vielleicht ist vor Ihnen jemand an der Reihe, der noch lernen muss, mit dem umzugehen, was ihm mitgeteilt wurde. Um es zu verdeutlichen: vielleicht ist jemand vor Ihnen an der Reihe, dem es noch ein bisschen beschissener geht als Ihnen selbst.
Sollten Sie die Zeit nicht aufbringen und stattdessen eine x-beliebige Pflegefachperson auf dem Flur beschimpfen wollen, nur um Ihren Frust loszuwerden: gehen Sie nach Hause, üben Sie sich in costaricanischer Geduld, üben Sie sich im menschlich sein, schlagen Sie bei Google nach oder wählen sie 11880. Da werden Sie geholfen.

Im Vertrauen

Manchmal frage ich mich, wann die Menschen unserer Gesellschaft damit aufgehört haben, anderen Menschen zu vertrauen, auf das Können einer anderen Person zu setzen, gegebenenfalls von diesem Können zu lernen, anstatt dieses ständig in Frage zu stellen? Wann wurde die Parole «Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser» zu unserem Lebenscredo? Wann haben wir uns dafür entschieden, uns mehr oder weniger alleine durchs Leben zu kämpfen oder lieber Google zu fragen, als eine Person, die das Wissen erlernt, Erfahrung gesammelt und Kompetenzen entwickelt hat? Wann haben wir verlernt, in unserer überterminierten und gänzlich durchstrukturierten Welt, im Gegenüber die Stärken zu erkennen und ihnen zu vertrauen?

Gewiss, Vertrauen kann missbraucht werden und zweifelsohne: zu vertrauen heisst, Schwäche zu zeigen, bedeutet Kontrollverlust. Bedeutet auch, über seinen eigenen Schatten springen zu müssen. Doch ist ein Kontrollverlust, das Zulassen von Schwäche, der Ausbruch aus vorgestanzten Strukturen nicht auch ein Gewinn?

In dieser Woche hat sich mir wieder einmal mehr gezeigt, dass es sich lohnt, jemand anderem zu vertrauen, im Wissen, dass diese Person die Dinge allemal schneller erledigt, als dass ich Handbücher darüber im Internet herunterladen, geschweige erst recht lesen kann. Im Wissen, egal wie lange es dauert, es irgendwie gut kommt, dass ich mich auf diese Person verlassen und auf diejenigen Dinge konzentrieren kann, die wiederum mich auszeichnen, um damit – wer weiss – das Vertrauen von jemand anderem zu gewinnen.

In unserer gut geschmierten Lebensmaschinerie ist Vertrauen nur ein kleiner Zahn, der in einen anderen Zahn greift, um das Rad in Gang zu halten. Vielleicht sollten wir wieder vermehrt versuchen, gerade eben diesem Zahn das Vertrauen entgegen zu bringen, dass er Sinn macht.

Für mich gilt es, der Parole eine neue Bedeutung zukommen zu lassen, indem ich sie umformuliere: «Kontrolle ist gut, Vertrauen haben, ist lebenswerter.»

Wenn Fussball endlich Sinn macht

Ich gestehe, ich verstehe von Fussball so viel wie ein Frosch vom Fliegen oder wie «Puma» von der Trikotherstellung. Käme es zu einer Zerreissprobe, ich würde ebenso wie die Hightech-Textilfasern der viel zu engen Hemdchen der Schweizer Nati versagen.

Bei einer Schwalbe denke ich an einen Vogel, der noch längst keinen Sommer macht. «Tschackaaa!» verbinde ich mit einem Freudeschrei und garantiert nicht mit einem Namen. Der Ecke eine Standardsituation abzugewinnen, wage ich als miserable Erziehungsmethode zu bezeichnen und bei Packing verstehe ich Post. Stellte man mich auf den Platz, wäre ich innert kürzester Frist stolze Besitzerin einer roten Karte. An Regeln halte ich mich nicht gerne – sollte ich sie denn überhaupt kennen.

Unlängst habe ich mich gefragt, weshalb ich mich bei der Fussball-EM dann doch dazu hinreissen lasse, den Sportkanal zu wählen? Weshalb ich dabei zusehen muss, wie Männer über den Platz rennen, sich ineinander verhaken wie zwei «Lismernadeln» bei der Linksmasche? Wie sie sich hingebungsvoll auf dem Rasen ausrollen, als wären sie der Rasen selbst? Und noch schlimmer: Weshalb ich dies auch noch kommentieren muss, so, als würde ich tatsächlich etwas von Fussball verstehen?

Vielleicht liegt es daran, dass ich zwischenzeitlich in diesen Meisterschaftsanlässen einen Hauch von Sinn erkenne. So glaube ich, dass die Mannen auf dem Platz vielmehr Repräsentanten ihrer Nationen als Sportler, dass sie zu ausserordentlich gut bezahlten Statisten verkommen sind. Wie kleine Marionetten, deren Fäden ein unsichtbarer Dritter in der Hand hält. An solchen Anlässen geht es wohl nicht mehr nur um das Spiel an sich, sondern eher um das Drumherum. Um Politik. Gewinn. Um Macht. Dies müssen die einzig wahren Gründe sein. Nur so lässt sich bei mir ein «Grümpelturnier» solch exorbitanten Ausmasses rechtfertigen. In der Tat, ich halte mich vor dem Fernseher auf, um die Spielstrategie der einzelnen Nationen in den politischen Kontext zu setzen. Kann glauben wer will, deshalb:

  • Schweiz: Ewig defensiv, gibt sich immer wieder mit dem gut schweizerischen Kompromiss des Unentschiedens zufrieden. Grenzen werden schön abgesteckt. Man will ein bisschen mitspielen aber doch nicht ganz. Sicherheit geht vor. Das hart erarbeitete Ansehen soll schliesslich nicht leiden. Auch so kann man irgendwie weiter kommen.
  • Russland: Scheint gerne zu markieren. Die Fangemeinde verdrischt neben dem Platz auch mal andere Menschen, ist ja nichts dabei, randaliert bis zur Inhaftierung. Sie riskiert eher einen Ausschluss ihres Teams aus dem Turnier als sich mit Interesse daran zu beteiligen. Revolte hält bei Laune. «No risk, no fun» die Devise.
  • England: Die Mehrheit hat sich dazu entschlossen die EU-Politbühne frühzeitig zu verlassen. Gegebenenfalls könnte dies Auswirkungen auf die nächsten Spiele der englischen Nationalmannschaft haben. Gut möglich, dass nur 48.1 % der Spieler anwesend sein wird, weil sich die andere Hälfte schon auf dem Nachhauseweg befindet. Ob sich mit dieser Einstellung überhaupt noch Gewinne erzielen lassen, ist fragwürdig.
  • Irland: die ewigen Underdogs. Sind sich gewohnt zu verlieren. Keiner besingt die eigene Niederlage schöner als die Iren. Das Land gebeutelt vom ewigen Auf und Ab, geben die Iren den Glauben an den Schatz am Ende des Regenbogens nicht auf. Des Austritts Grossbritanniens aus der EU wegen, wird sich früher oder später im Norden des Landes wieder eine Grenze durch die Landschaft und die Köpfe der Bewohner ziehen. Die Hoffnung bleibt bestehen, dass sie zumindest ein Lied darüber komponieren werden.
  • Island: Ja, da existiert tatsächlich noch ein Land am äussersten Zipfel Europas. Wer diese Tatsache bereits vergessen haben sollte, wird nun eines Besseren belehrt. Beinahe unauffällig rücken sie sich wieder ins Licht der Öffentlichkeit und beweisen Ausdauer. In der Stille liegt der Wille (oder vielleicht liegt es an den unwirklichen Namen der Spieler).
  • Frankreich: die Gastgeber. Bis anhin nicht gross aufgefallen. Intern scheinen noch viel zu viele Fragen offen. Zu frische Narben, zu viele Verletzungen lassen keine richtige Euphorie aufkommen. Gelähmt scheint das Volk und seine Spieler. «Liberté, égalité et fraternité» bedeutungsschwere Worte. Eine Bürde, die es zu tragen gilt.

Nun, von mir aus können sie so lange sie wollen weiter rennen, die Spieler dort auf dem grünen Rasen, eigens für sie ausgerollt, weit weg vom Weltgeschehen und trotzdem irgendwie ganz nah dran. Und wenn es heisst: «Tooooooooor!!!!!! 1:0 für…» dann interessiert es mich nicht, ob die Sieben ein Ronaldo ist oder sonstwer, sondern ob die Nummer 7, die gerade ein Tor erzielt hat, fähig ist, in einem Team zu spielen, den Erfolg nicht nur für sich selbst einzustecken. Fairplay eben. Wer das kann, hat sowieso gewonnen.

PS: in mein Herz hat sich die Fangemeinschaft der Iren gespielt. Die wirklichen Champions der EM 2016. Hoffen wir, dass es so bleibt.

Diesen Text gibt es auch nachzulesen unter dem EM-Blog des Willisauer Bote, der einst für eine Praktikumszeit so etwas wie mein Zuhause war.

Weshalb Melancholie keine Krankheit ist und man sich trotzdem damit anstecken sollte

«Melancholie ist die schöne Schwester der Trauer.»
Ein Zitat, das mir gefällt. Nachklingt. Könnte ich dieses Zitat heiraten, ich würde es tun.

Häufig wird meinen Texten nachgesagt, sie würden traurig stimmen, unglücklich machen. Jüngst am «café litteraire» beim Besprechen meines neusten Textes war sogar von der «Katja-Schwere» die Rede. Früher hätte mich solch eine Aussage betrübt. Mit Worten zur Last zu fallen – undenkbar und verwerflich. Heute erfüllt mich diese Be- oder Verurteilung zwar nicht mit Stolz, zeichnet mich dennoch aus. Meine Texte sind ich. Und ich bin sie. Frei von aufgesetzten Attitüden. Authentisch. Und ja: auch ab und an voll süssem Schwermut. Daran kann und will ich nichts ändern.

Manch einer mag meine Melancholie als depressive Stimmung und mich als Melancholikerin als Irre abtun. Vor allem den schönwetterlächelnden Dauer-Optimisten bin ich ein Dorn im Auge. Wahrlich sollte die Melancholie zu keinem Dauerzustand verkommen, auszuhalten damit kaum ein Leben. Aber sie spöttisch als Depression zu betiteln und Melancholiker auf irgendeine suspekte Art und Weise zu behandeln, finde ich niederträchtig. Statt sie therapieren zu wollen, sollte sie primär einfach akzeptiert und als «Wechselwirkung zwischen Licht und Schatten» gesehen werden. Eine schöpferische Kraft.

Ich wage zu behaupten, Melancholie ist eine positive Charaktereigenschaft. Was sollte daran falsch sein, das Augenmerk auf die Oberflächlichkeit unserer Kultur, unserer Struktur, unserer Gesellschaft, die ständig auf der Jagd nach Ruhm, Ehre und Vergnügungen an ihrem Streben scheitert, zu legen? Auf Endlichkeit und Vergänglichkeit hinzuweisen, dann, wenn Menschen dazu geneigt sind, abzuheben und Gott zu spielen?

Woher mein Hang zur Melancholie rührt, ist nicht zu verifizieren. Vielleicht ist er genetisch verankert, vielleicht habe ich in meiner Jugend vorwiegend die «falschen» Autoren immer und immer wieder gelesen, die mich dahingehend beeinflusst haben. Vielleicht liegt es einfach an meinem ursprünglich erlernten Beruf, derjenige der Pflegefachfrau, in dem ich frühzeitig mit dem Anfang und dem Ende eines Lebens konfrontiert wurde, in dem ich erkannte, wie unglaublich komplex das menschliche Wesen ist, es nichtsdestotrotz «nur» aus Molekülen besteht und im Kosmos – realistisch gesehen – nichts mehr als eine Nichtigkeit ist.

Ich glaube, und hier spricht die Stimme der Melancholikerin, ein immerwährender tiefblauer Himmel wird früher oder später ganz einfach langweilen. Es ist erst der aufziehende Wolkenbruch, welcher der Sonne die Sicht nimmt, die Kraft raubt, der Spannung erzeugt. Julius, mein Protagonist aus meiner Diplomarbeit, der in einem Traum fliegen kann beschreibt es wie folgt:

[… Jetzt erst erkennt Julius die Wichtigkeit von Licht und Schatten. Dass diese aufeinander abgestimmt, sich im stetigen Wechsel ergänzen. Dass es ihre Bestimmung ist, dem Dasein Konturen zu geben und ihm Tiefe zu verleihen. Dass ohne die Licht- und Schattenmomente all die Leben dort unten nur eindimensionale Projektionsflächen wären. Auch seins …]

Melancholie ist demnach keine Krankheit. Sich damit auseinanderzusetzen oder gar zu infizieren, scheint noch keinem geschadet zu haben.