Halbzeit!

Selten hat mich ein Turnier derart wenig tangiert, wie die Fussball-Weltmeisterschaft 2018 es tut. Nicht wissenschaftlich belegte Gründe mögen wohl die Ursache hierfür sein. Darunter fallen das angenehme Sommerwetter, die (zu) verplante Freizeit oder etwa das Versäumnis mich beim Tippspiel anzumelden. Ein wesentlicher Grund jedoch ist die fehlende Teilnahme meines Lieblingsteams und der dazugehörigen musikalischen Fangemeinde. Die irren Iren fehlen: sowohl auf dem Platz, der Zuschauertribüne als auch in der Fanmeile. Denn vor sechs Jahren an der Europameisterschaft 2012 haben sie das geschafft, was bislang niemand geschafft hat: mein (Fussballer)herz höher, schneller und weiter schlagen zu lassen. Kurzum haben sie mich damals mit ihrer Begeisterung, ihrer Euphorie und ihrem Lied «the Fields of Athenry», mit dem sie im sonst verstummten Stadion zu Danzig weit über die Spielzeit hinaus ihrem Team Respekt und Liebe zollten, an der Hand genommen und damit mein Herz berührt. Die Iren haben bewiesen, dass es möglich ist, würdevoll zu verlieren und damit den grössten Gewinn zu verbuchen, der beim Sport verbucht werden kann: Fairplay.

Dieses ehrenhafte Verhalten auf und neben dem Spielfeld fehlt mir an dieser WM. Sinnfreie Aktionen von Spielern gefolgt von zeitweise wirklich dummen Äusserungen vermiesen mir die Stimmung derart, dass eine emotionale Beteiligung zum abwegigen Gedanken verkommt.
Zu oft drehen sich die Themen um Nationalismus, schizophrene Herzen, um Mehr- oder Minderwertigkeit, um Unsummen an Geld, das hin und her fliesst. Weshalb? Warum? An wen? Wir sprechen von Superlative. Von vielen Nullen – im wörtlichen, wie im übertragenen Sinn. Was sich da noch um Fussball – einen Mannschaftssport – dreht, frage ich mich?

Dass Fussball mit Politik und Macht im direkten Kontext steht, hat die Autorin bereits in anderen Beiträgen verarbeitet (hier und hier). Dass sich jetzt neben Politikern auch noch Hobby-Wissenschaftler zum Thema «Fussball» einmischen – und damit die wirklich fussballinteressierten Mitbürger, denen es um die 22 Mannen auf dem Feld und sonst um gar nichts geht, aufmischen – ist dann doch auch mir zu viel des Guten. Selbsternannte Pädagogen, Podologen, Ornitologen, Psychologen und Historiker – hier von mir auch Demagogen genannt – scheinen wie Pilze nach einem Herbstregen aus dem Boden zu schiessen, geben sich vermeintlich wortreich zu Aktionen und Themen, die sie entweder schlecht oder gar nicht recherchiert haben und verteilen schlussendlich ihren geistlosen Durchfall in Foren, die der Intelligente besser meidet. Das Schlimme daran? Die Fussball-WM 2018 verkommt zur Rassismus- und Migrationsdebatte schlechthin und entfernt sich so weit vom Thema, wie man sich nur entfernen kann.

Sollten demnach der zweiten Halbzeit die Glanzmomente ausbleiben – und ich rede hier nicht von spektakulären Toren oder Torschützenkönigen – sollte sich die WM-Spirale weiterhin in eine negativ-destruktive Richtung entwickeln, werde ich ausschalten müssen, bis die Iren eines Tages wieder dafür sorgen werden, dass ich meine Meinung zum Thema Fussball revidiere. Zwischenzeitlich gönne ich mir hin und wieder «the Fields of Athenry» aus dem Jahre 2012. Für mich nicht nur ein Lied, sondern ein Gefühl. Videobeweise dazu bestehen genug.

Die Entmystifizierung der Dinge

Als wir Kinder waren, wurde uns oftmals ein X für ein U vorgegaukelt. Vielleicht, weil die Erwachsenen von damals sich gerne mal einen Scherz auf Kosten der Kleinsten erlaubten, vielleicht auch, weil sie gewisse Tatsachen ausblenden, der eigenen Rationalität entfliehen wollten. Gut möglich, dass es teilweise schlicht und einfach auch auf Unwissen der Erwachsenen basierte, wenn sie uns Kindern etwas vorschwindelten. Als wir den Scherzen der Grossen jeweils auf die Schliche kamen, folgte in der Regel postwendend der Rachefeldzug mit ausgeklügeltem Schlachtplan. In der mit Imagination gesegneten Welt von Kindern ein leichtes Spiel.
Sie erkennen das Muster? Heute agieren Sie als der erwachsene Part, tischen hin und wieder den Kleinen ein paar Ungereimtheiten auf? Und lachen sich dabei klammheimlich ins Fäustchen über den gelungenen Streich? Seien Sie auf der Hut.

Denn es gibt sie. Die unverzeihlichste Lüge aller Zeiten schlechthin: «kleines Froilein, aus jeder Raupe wird einmal ein wunderschöner Schmetterling», sagten mir meine Eltern, Grosseltern und jeder, von dem ich es hören wollte. Ich sammelte Raupen und verbrachte Stunden damit, ihnen ausgewähltes Futter zu reichen, ihnen beim Verpuppen zuzusehen, nur um die Verwandlung jeweils zu verpennen. In meinen infantilen (Tag-)Träumen sah ich Schmetterlinge in allen Farben über die Gänseblümchenwiese fliegen, selbst die fetteste und scheusslichste Raupe war in meiner Vorstellung positiv konnotiert. Es ging soweit, dass ich daran glaubte, dass alles und alle eine Verwandlung durchmachen und etwas Wunderschönes daraus entstehen würde. Man liess mich in diesem Glauben. Etliche Zeit später, ich konnte zwischenzeitlich lesen und mir Wissen aneignen, deckte ich den Betrug auf. Spätestens in meinen Anfängen als Hobbygärtnerin, stellte ich fest, dass Raupen mitnichten immer schöne Schmetterlinge werden und sowohl Raupe wie auch der gemeine, hinterhältige und fresssüchtige Käfer (der mal Raupe war) innerhalb einer Nacht eine Schneise durch wachsendes Gemüse schlagen können, wenn sie denn wollen.

Nein, augenscheinlich verwandelt sich nicht jede Raupe in einen Schmetterling. Schliesslich verwandelt sich ein Tixi-Klo auch nicht in eine Edeltoilette. Da kann man Philippe Starck ranlassen, wie man will. Ein Tixi-Klo bleibt ein Scheisshaus sondergleichen und kommt einer selbstgebauten Latrine im Pfadfinderlager doch sehr nah. Eines, in das man nur mit 25 Promille intus oder als Stehpinkler freiwillig einen Fuss hineinsetzt.
Selbst bei Menschen sehen wir keine durchschlagenden Erfolge in der Causa «Raupe wird Schmetterling». Nicht einmal der Neuling, der gerade aus dem Geburtskanal gedrückt wurde, zyanotisch schreiend und blutverschmiert auf Mutters Brust liegend (der in seinem Leben öfters mal insgeheim darum betteln wird, man möge ihn wieder dort hin stecken, woher er gekommen war) hat das Prädikat Schmetterling verdient. Denn Achtung: einer Metamorphose liegen mehrere Faktoren zu Grunde, als nur geboren zu werden, zu futtern und sich dann zu verpuppen. Allgemeinhin bekannt als: Erziehung, Werte, Selbstbild.

Ein Beispiel: ein Vollidiot, der rassistische und frauenfeindliche Polemik betreibt, bleibt einfach ein Vollidiot, der rassistische und frauenfeindliche Polemik betreibt. Selbst ein vorangestelltes «Mister President» richtet in diesem Fall nichts mehr aus. Da kann man Philippe Starck ranlassen wie man will. Ein Scheisshaus bleibt ein Scheisshaus.

P.S: Die im Vorfeld Zeter und Mordio schreienden Medienschaffenden, welche dem Vollidioten während seines Aufenthaltes in der Schweiz in Habachtstellung salutierten und ihm Ehre erwiesen, sind sich hoffentlich bewusst, dass die Authentizität ihrer Artikel sowohl jetzt als auch in Zukunft in Frage gestellt werden. Bisweilen ersetzen solche Artikel und Zeitschriften – meiner Meinung nach zu Recht – das Scheisspapier in Tixi-Klos.

Ein Appell oder wie sag ich’s mit einfachen Worten

Obwohl mir politisieren nicht liegt, will ich heute Partei ergreifen. Mag mir die Fähigkeit zu polemischem «Geschnorre» auch völlig abgehen und ich inzwischen viel zu oft auf Göschenen-Airolo stelle (unterdessen Erstfeld-Biasca), wenn sich Politgrössen auf Bühnen profilieren, die einfache Arbeiter für sie errichtet haben, mag es mir an schlagkräftigen Argumenten fehlen, die meine Ansicht ins rechte Licht rücken, so werde ich heute dennoch Partei ergreifen. Einfach, weil es sonst niemand tut.

Einzig und alleine für meinen Beruf. Einer der keine Lobby hat. Einer dem Stillschweigen, Geduld und Bescheidenheit in vollem Umfang aufgebürdet wurde. Einer, der von der Gesellschaft immer noch und immer wieder in eine Schublade gesteckt wird, die längst marode auseinander zu fallen droht. Auf Handlanger der Männer in Weiss, Blutsauger und Popowischer werden wir gerne reduziert. Weshalb sich dieses Bild hartnäckig in den Köpfen der Bevölkerung hält, bleibt mir ein Rätsel.

Wenngleich ich eine dreijährige Ausbildung, ich mir Wissen durch Weiterbildung angeeignet und inzwischen 20 Jahre Berufserfahrung habe, gibt es Tage wie heute, an denen ich zweifle, überhaupt jemals in den Genuss von Bildung gekommen zu sein.

Das mag am Telefonat liegen, in dem mir ein Vater erklärt, wie Scheisse ich meine Arbeit mache, weil ich ihm keinen Arzttermin für sein Kind anbieten kann, der sich mit all seinen wichtigen Verpflichtungen wie an Geschäftsaperos teilnehmen, Biken und Gleitschirmfliegen vereinigen lässt. Dass sein krankes es Kind ist, welches ihm eigentlich dabei in die Quere kommt und er seinen Tagesablauf folglich umorganisieren muss, lässt er unausgesprochen im Raum stehen. Allzu gerne erklärt er mir, wie ich meine Arbeit zu erledigen habe, nicht ohne reisserischen Unterton. Die blöde Kuh am anderen Ende der Leitung ist ja «nur» eine Pflegefachfrau. Ohne mich überhaupt zu kennen, disqualifiziert er mich nicht nur als Menschen sondern greift eine Berufsgruppe an, von der er so viel versteht, wie ich vom Fliegenfischen.

Vielleicht mag es auch daran liegen, dass ich nach einer langen, anstrengenden Schicht nach Hause fahre und in den Nachrichten höre, dass – obwohl die Nachfrage für Ausbildungsplätze steige, vermehrt auch ausgebildet werde – es in der Schweiz dennoch an qualifizierten Pflegefachkräften mangle. Mir dabei nur ein gequältes Lachen im Hals stecken bleibt, ich es runterwürge und mir denke: mögen noch so viele Pflegefachkräfte ausgebildet werden; dem Spardruck in Spitälern und Heimen werden auch die neuen Generationen von Fachkräften zum Opfer fallen. Diesem Umstand zu verdanken ist, dass sich immer mehr qualifizierte Pflegefachkräfte davonmachen, um nie mehr in den Beruf zurückzukehren. Diese Lücken werden kurzerhand mit «günstigeren» Fachkräften aus dem Ausland geschlossen. Eine Rechnung die irgendwie nicht aufgehen mag, so oft ich sie auch drehe und wende.

Oder es mag daran liegen, dass zwischenzeitlich ein Teil der Gesellschaft mehr über meinen Beruf und demjenigen des Arztes zu verstehen glaubt, als ich selbst. Weil sich digitale, wenn auch unseriöse Informationen bei übermotivierten Besserwissern eher ins Hirn brennen als die Empfehlung dreidimensionaler Fachpersonen. Zwangsläufig stellt sich mir die Frage, weshalb es uns eigentlich noch braucht und lande unweigerlich wieder beim Bild der Popowischerin. Hier schliesst sich zum ersten Mal ein Kreis.

Oft rufe ich mir einen Moment in Erinnerung, den ich Costa Rica vor ein paar Jahren gesehen habe, als ich an einem Hospital vorbei ging. Es war Nachmittag und vor der Hauptpforte warteten in einer Schlange stehend weit mehr als 50 Personen auf Einlass, um behandelt zu werden. Etliche waren wohl weit angereist um überhaupt eine Behandlung zu bekommen, ich konnte kaum erahnen, wie lange sie schon der subtropischen Hitze dort ausgesetzt waren. Sechs Stunden später ging ich – längst war es dunkel – denselben Weg zurück und sah sie immer noch dort stehen, geduldig ausharrend. Und plötzlich schäme ich mich: für meine Generation, für die Menschen in der Zeit und den Ort, in den ich hineingeboren wurde. Dort, wo alles machbar ist, sich niemand grämen muss, wie er zum nächsten Hospital gelangt. Wo es alles gibt und noch viel mehr. Ich schäme mich für den besserwisserischen Vater, dem Hobbies wichtiger sind, als sein krankes Kind, ich schäme mich für die überterminierten Dauerstänkerer, die sich bereits nach 15 Minuten über ihre elend lange Wartezeit beklagen, ich schäme mich für die Erwartungen gewisser Politiker und gewisser Verbraucher an unser Gesundheitswesen. Die Erwartungen, die unbeschreibliche Ausmasse annehmen und dabei immer mehr Geld verschlingen. Würde man sie mal ein bisschen herunterschrauben, wären wir immer noch Lichtjahre von dem entfernt, was ich in Costa Rica gesehen habe, dennoch ein bisschen näher dran. Näher dran am Menschen. Zu guter Letzt schäme ich mich für die inexistente Verantwortung der Gesellschaft dem Thema Krankheit und Gesundheit gegenüber. Ein Thema, so scheint es mir, das jede und jeden betrifft, zumindest jene, die ihren Körper lieben und ihm Gutes tun wollen. Diese Verantwortung wird allzu gerne ausgelagert, delegiert, verkommt gar zum Abbauprodukt.

Immer wieder klingen die Aussagen meiner Kolleginnen in mir nach: «du musst wegstecken können, einfach weitermachen, nichts persönlich nehmen.» Sie fürchten Sanktionen. Man bleibt lieber still. Des Friedens Willen. Für mich hört hier und heute das Wegstecken auf. Es mag unprofessionell wirken, dennoch ergreife ich Partei, weil ich sagen will: wir Pflegefachfrauen sind Menschen mit Gefühlen, keine Roboter.

Wir sind nicht dazu da, den Frust aufzufangen, der sich in Ihrem Leben aufgebaut und angestaut hat, der in der Regel durch eigene Unzufriedenheit entsteht und nicht durch Dritte verursacht wird.
Wir sind nicht dazu da, Ihnen die Verantwortung für sich, ihr Kind oder ihre Krankheit abzunehmen. Über Ihre Gesundheit entscheiden Sie immer noch selbst.
Wir sind nicht dazu da, Ihnen zu bestätigen, was sie gerne hören möchten. Es steht in keiner Stellenbeschreibung, dass wir uns dazu verpflichten, den Patienten anzulügen.
Wir sind nicht dazu da, uns  – weder verbal noch physisch – treten zu lassen, weil Sie sich dafür berechtigt halten. Es existiert keine Sonderklausel, die Sie dazu befugt.

Aber,
wir sind dazu da, Ihnen Wissen zu vermitteln, Sie theoretisch und praktisch anzuleiten, Sie in schweren Lebensmomenten zu begleiten und Ihnen helfend beiseite zu stehen, damit sie von uns Gelerntes in die Tat umsetzen können. Damit Hilfe zur Selbsthilfe nicht nur eine Floskel bleibt.
Wir sind dazu da, Ihnen zuzuhören, Ihre Sorgen auch ein bisschen zu teilen, wenn Sie nicht mehr weiter wissen oder können.
Wir sind dazu da, durch Informationen aus erster Hand Ihre Ängste abzubauen, im besten Falle ganz auszuräumen.
Wir sind dazu da, Ihr Recht bei anderen Berufsgruppen zu vertreten, Ihnen eine Stimme zu geben, dann, wenn Ihnen schlichtweg die Worte fehlen.
Und ja, wir sind auch dazu da, Ihnen Blut abzunehmen, den Katheter zu wechseln oder den Po und Erbrochenes abzuwischen, Sie zu waschen, Sie an- und auszukleiden, Ihnen das Essen einzugeben, daraufhin die Zähne zu putzen und die Haare zu kämmen, sollten Sie selbst dazu noch nicht oder nicht mehr in der Lage sein.
Aber nicht nur.

Vielleicht stehen Sie in der kommenden Wintersaison wieder mal für geschlagene 45 Minuten an einem Skilift an, nur um einer Abfahrt durch den Pulverschnee willen. Dann denken Sie bitte daran, diese Geduld auch beim nächsten Arztbesuch aufzubringen. Vielleicht ist vor Ihnen jemand an der Reihe, der ein wenig länger benötigt, um in den Sessel zu steigen oder dessen Skier sich verheddert haben. Vielleicht ist vor Ihnen jemand an der Reihe, der noch lernen muss, mit dem umzugehen, was ihm mitgeteilt wurde. Um es zu verdeutlichen: vielleicht ist jemand vor Ihnen an der Reihe, dem es noch ein bisschen beschissener geht als Ihnen selbst.
Sollten Sie die Zeit nicht aufbringen und stattdessen eine x-beliebige Pflegefachperson auf dem Flur beschimpfen wollen, nur um Ihren Frust loszuwerden: gehen Sie nach Hause, üben Sie sich in costaricanischer Geduld, üben Sie sich im menschlich sein, schlagen Sie bei Google nach oder wählen sie 11880. Da werden Sie geholfen.

Wenn Fussball endlich Sinn macht

Ich gestehe, ich verstehe von Fussball so viel wie ein Frosch vom Fliegen oder wie «Puma» von der Trikotherstellung. Käme es zu einer Zerreissprobe, ich würde ebenso wie die Hightech-Textilfasern der viel zu engen Hemdchen der Schweizer Nati versagen.

Bei einer Schwalbe denke ich an einen Vogel, der noch längst keinen Sommer macht. «Tschackaaa!» verbinde ich mit einem Freudeschrei und garantiert nicht mit einem Namen. Der Ecke eine Standardsituation abzugewinnen, wage ich als miserable Erziehungsmethode zu bezeichnen und bei Packing verstehe ich Post. Stellte man mich auf den Platz, wäre ich innert kürzester Frist stolze Besitzerin einer roten Karte. An Regeln halte ich mich nicht gerne – sollte ich sie denn überhaupt kennen.

Unlängst habe ich mich gefragt, weshalb ich mich bei der Fussball-EM dann doch dazu hinreissen lasse, den Sportkanal zu wählen? Weshalb ich dabei zusehen muss, wie Männer über den Platz rennen, sich ineinander verhaken wie zwei «Lismernadeln» bei der Linksmasche? Wie sie sich hingebungsvoll auf dem Rasen ausrollen, als wären sie der Rasen selbst? Und noch schlimmer: Weshalb ich dies auch noch kommentieren muss, so, als würde ich tatsächlich etwas von Fussball verstehen?

Vielleicht liegt es daran, dass ich zwischenzeitlich in diesen Meisterschaftsanlässen einen Hauch von Sinn erkenne. So glaube ich, dass die Mannen auf dem Platz vielmehr Repräsentanten ihrer Nationen als Sportler, dass sie zu ausserordentlich gut bezahlten Statisten verkommen sind. Wie kleine Marionetten, deren Fäden ein unsichtbarer Dritter in der Hand hält. An solchen Anlässen geht es wohl nicht mehr nur um das Spiel an sich, sondern eher um das Drumherum. Um Politik. Gewinn. Um Macht. Dies müssen die einzig wahren Gründe sein. Nur so lässt sich bei mir ein «Grümpelturnier» solch exorbitanten Ausmasses rechtfertigen. In der Tat, ich halte mich vor dem Fernseher auf, um die Spielstrategie der einzelnen Nationen in den politischen Kontext zu setzen. Kann glauben wer will, deshalb:

  • Schweiz: Ewig defensiv, gibt sich immer wieder mit dem gut schweizerischen Kompromiss des Unentschiedens zufrieden. Grenzen werden schön abgesteckt. Man will ein bisschen mitspielen aber doch nicht ganz. Sicherheit geht vor. Das hart erarbeitete Ansehen soll schliesslich nicht leiden. Auch so kann man irgendwie weiter kommen.
  • Russland: Scheint gerne zu markieren. Die Fangemeinde verdrischt neben dem Platz auch mal andere Menschen, ist ja nichts dabei, randaliert bis zur Inhaftierung. Sie riskiert eher einen Ausschluss ihres Teams aus dem Turnier als sich mit Interesse daran zu beteiligen. Revolte hält bei Laune. «No risk, no fun» die Devise.
  • England: Die Mehrheit hat sich dazu entschlossen die EU-Politbühne frühzeitig zu verlassen. Gegebenenfalls könnte dies Auswirkungen auf die nächsten Spiele der englischen Nationalmannschaft haben. Gut möglich, dass nur 48.1 % der Spieler anwesend sein wird, weil sich die andere Hälfte schon auf dem Nachhauseweg befindet. Ob sich mit dieser Einstellung überhaupt noch Gewinne erzielen lassen, ist fragwürdig.
  • Irland: die ewigen Underdogs. Sind sich gewohnt zu verlieren. Keiner besingt die eigene Niederlage schöner als die Iren. Das Land gebeutelt vom ewigen Auf und Ab, geben die Iren den Glauben an den Schatz am Ende des Regenbogens nicht auf. Des Austritts Grossbritanniens aus der EU wegen, wird sich früher oder später im Norden des Landes wieder eine Grenze durch die Landschaft und die Köpfe der Bewohner ziehen. Die Hoffnung bleibt bestehen, dass sie zumindest ein Lied darüber komponieren werden.
  • Island: Ja, da existiert tatsächlich noch ein Land am äussersten Zipfel Europas. Wer diese Tatsache bereits vergessen haben sollte, wird nun eines Besseren belehrt. Beinahe unauffällig rücken sie sich wieder ins Licht der Öffentlichkeit und beweisen Ausdauer. In der Stille liegt der Wille (oder vielleicht liegt es an den unwirklichen Namen der Spieler).
  • Frankreich: die Gastgeber. Bis anhin nicht gross aufgefallen. Intern scheinen noch viel zu viele Fragen offen. Zu frische Narben, zu viele Verletzungen lassen keine richtige Euphorie aufkommen. Gelähmt scheint das Volk und seine Spieler. «Liberté, égalité et fraternité» bedeutungsschwere Worte. Eine Bürde, die es zu tragen gilt.

Nun, von mir aus können sie so lange sie wollen weiter rennen, die Spieler dort auf dem grünen Rasen, eigens für sie ausgerollt, weit weg vom Weltgeschehen und trotzdem irgendwie ganz nah dran. Und wenn es heisst: «Tooooooooor!!!!!! 1:0 für…» dann interessiert es mich nicht, ob die Sieben ein Ronaldo ist oder sonstwer, sondern ob die Nummer 7, die gerade ein Tor erzielt hat, fähig ist, in einem Team zu spielen, den Erfolg nicht nur für sich selbst einzustecken. Fairplay eben. Wer das kann, hat sowieso gewonnen.

PS: in mein Herz hat sich die Fangemeinschaft der Iren gespielt. Die wirklichen Champions der EM 2016. Hoffen wir, dass es so bleibt.

Diesen Text gibt es auch nachzulesen unter dem EM-Blog des Willisauer Bote, der einst für eine Praktikumszeit so etwas wie mein Zuhause war.

Weshalb Melancholie keine Krankheit ist und man sich trotzdem damit anstecken sollte

«Melancholie ist die schöne Schwester der Trauer.»
Ein Zitat, das mir gefällt. Nachklingt. Könnte ich dieses Zitat heiraten, ich würde es tun.

Häufig wird meinen Texten nachgesagt, sie würden traurig stimmen, unglücklich machen. Jüngst am «café litteraire» beim Besprechen meines neusten Textes war sogar von der «Katja-Schwere» die Rede. Früher hätte mich solch eine Aussage betrübt. Mit Worten zur Last zu fallen – undenkbar und verwerflich. Heute erfüllt mich diese Be- oder Verurteilung zwar nicht mit Stolz, zeichnet mich dennoch aus. Meine Texte sind ich. Und ich bin sie. Frei von aufgesetzten Attitüden. Authentisch. Und ja: auch ab und an voll süssem Schwermut. Daran kann und will ich nichts ändern.

Manch einer mag meine Melancholie als depressive Stimmung und mich als Melancholikerin als Irre abtun. Vor allem den schönwetterlächelnden Dauer-Optimisten bin ich ein Dorn im Auge. Wahrlich sollte die Melancholie zu keinem Dauerzustand verkommen, auszuhalten damit kaum ein Leben. Aber sie spöttisch als Depression zu betiteln und Melancholiker auf irgendeine suspekte Art und Weise zu behandeln, finde ich niederträchtig. Statt sie therapieren zu wollen, sollte sie primär einfach akzeptiert und als «Wechselwirkung zwischen Licht und Schatten» gesehen werden. Eine schöpferische Kraft.

Ich wage zu behaupten, Melancholie ist eine positive Charaktereigenschaft. Was sollte daran falsch sein, das Augenmerk auf die Oberflächlichkeit unserer Kultur, unserer Struktur, unserer Gesellschaft, die ständig auf der Jagd nach Ruhm, Ehre und Vergnügungen an ihrem Streben scheitert, zu legen? Auf Endlichkeit und Vergänglichkeit hinzuweisen, dann, wenn Menschen dazu geneigt sind, abzuheben und Gott zu spielen?

Woher mein Hang zur Melancholie rührt, ist nicht zu verifizieren. Vielleicht ist er genetisch verankert, vielleicht habe ich in meiner Jugend vorwiegend die «falschen» Autoren immer und immer wieder gelesen, die mich dahingehend beeinflusst haben. Vielleicht liegt es einfach an meinem ursprünglich erlernten Beruf, derjenige der Pflegefachfrau, in dem ich frühzeitig mit dem Anfang und dem Ende eines Lebens konfrontiert wurde, in dem ich erkannte, wie unglaublich komplex das menschliche Wesen ist, es nichtsdestotrotz «nur» aus Molekülen besteht und im Kosmos – realistisch gesehen – nichts mehr als eine Nichtigkeit ist.

Ich glaube, und hier spricht die Stimme der Melancholikerin, ein immerwährender tiefblauer Himmel wird früher oder später ganz einfach langweilen. Es ist erst der aufziehende Wolkenbruch, welcher der Sonne die Sicht nimmt, die Kraft raubt, der Spannung erzeugt. Julius, mein Protagonist aus meiner Diplomarbeit, der in einem Traum fliegen kann beschreibt es wie folgt:

[… Jetzt erst erkennt Julius die Wichtigkeit von Licht und Schatten. Dass diese aufeinander abgestimmt, sich im stetigen Wechsel ergänzen. Dass es ihre Bestimmung ist, dem Dasein Konturen zu geben und ihm Tiefe zu verleihen. Dass ohne die Licht- und Schattenmomente all die Leben dort unten nur eindimensionale Projektionsflächen wären. Auch seins …]

Melancholie ist demnach keine Krankheit. Sich damit auseinanderzusetzen oder gar zu infizieren, scheint noch keinem geschadet zu haben.