Helvetien, 19.30 Uhr

Schwarze Säulen
steigen auf,
ganze Strassenzüge
gepflastert
mit zerborstenen Leibern.
Nur einen,
einen einzigen
Wimpernschlag
davon entfernt
das massgeschneiderte
Schönwetterlächeln
machthungriger
Politgrössen.
Geronnenes Blut
unzähliger Unschuldiger
an ihren Pranken,
sich händeschüttelnd
davon befreiend.
Wettervoraussicht.

Ich schalte ab.
Ich schalte aus.
Zu viel der
Diskrepanz.

Smarte Diktatur

Neulich im Zug:

Mein Sitznachbar mit Hipster-Bart und Hipster-Hut langt in seine Hipster-Tasche und zaubert ein iPhone 6 (oder weniger) daraus hervor. Selig lächelnd schmiert er mit dreckigen Tatzen auf dem Bildschirm herum, drückt mal da drauf, dann dort. Es öffnet sich die Wetter-App. Ich bin fasziniert.

Fasziniert, weil der Sitznachbar im Hipster-Look tatsächlich das aktuelle Wetter des aktuellen Standortes aufruft. Ich gucke durchs Abteilfenster. Draussen geht die Sonne im Herbstdunst unter und taucht die Umgebung in mystisches Licht. Es grenzt an Kitsch. Auf dem Bildschirm des iPhones hingegen tanzen Regentropfen. Der Hipster-Junge zieht die Augenbrauen nach oben, schüttelt den Kopf. Schüttelt ihn, als würde er sich nicht damit einverstanden zeigen, was Mutter Natur produziert, während SEINE Wetter-App was ganz anderes dazu sagt. Doch schnell ist das Wetter vergessen. Mit geschickten Fingern werden alsbald Kürzel eingetippt und ins digitale Universum hinausgeschickt. Geschwind folgen Antworten; nicht wenige. Im Sekundentakt ein Piepston, der an Vogelgezwitscher erinnert. Der Hipster-Junge lächelt. Dann das ganze Spiel von vorn.

Der Herr vis à vis im Armani-Anzug, alles andere als Hipster und etwa gleich alt wie ich, liest auf seinem 11×6 Zentimeter-Display die neuesten Nachrichten. Ich beneide ihn um seine Adler-Augen, welche Buchstaben – notabene nicht grösser als Fliegenscheisse – entziffern können. Ich vermute: NZZ/ Wirtschaft. Dass er jedoch „Blick am Abend“ durchblättert, wird mir erst bewusst, als er seinem Nebenmann ein Video zeigt, dabei dämlich grölt und zotige Sprüche über das Mädel reisst, dessen Bekleidung aus mehr oder in ihrem Falle weniger Stoff besteht. Kleider machen Leute, denke ich, und sehe einmal mehr, dass diese Phrase irgendwie nicht stimmen kann. Armani versus Nacktheit. Keiner von beiden gewinnt.

Weiter hinten im Waggon schreit eine Frau lauter als nötig in ihr Telefon. Die Meute im Abteil hört unweigerlich mit. Ihr Mann hat Buntwäsche mit den weissen Hemden und Blusen zusammen in die Trommel gesteckt. Jeder Dreijährige sei intelligenter. Ich zweifle daran und habe Mitleid mit dem Waschbanausen. Nein, verdammtnochmal, Rosa sei nicht das neue Weiss, brüllt die Brünette. Ich lache laut über den Wortwitz ihres Gemahls. Sie schaut böse in meine Richtung. Dann lach ich nicht mehr.

Im Gang steht auf einem Bein hüpfend ein keckes Mädchen; eine kleine Whitney Houston. Ihre Mutter zupft an ihr herum, richtet ihre wilden Locken, bis die Kleine sich genervt wegdreht. Sie rollt mit den Augen. Whitney nimmt ihr Smartphone zur Hand, steckt das Kabel ein und stülpt sich die wuchtigen Kopfhörer über die eben geordneten Locken. Anschliessend schraubt Möchtegern-Whitney demonstrativ die Lautstärke so weit hoch, dass selbst jeder Taube noch den Hip-Hop-Beat durch ihre Hörer vernehmen kann.

Obwohl der Waggon überfüllt ist, kehrt augenblicklich Stille ein. Ein jeder ist mit seinem Samsung Galaxy, iPhone, HTC, Nokia oder wie sie alle heissen mögen, beschäftigt. Absorbiert sozusagen. Früher hiessen sie Adolf Hitler, Francisco Franco, Josef Stalin oder Benito Mussolini. Die bösen Diktatoren, die totalitär herrschten, nach denen sich die Menschheit zu orientieren hatte, jeder noch so kleine Aufstand von ihnen im Keim erstickt wurde. Heute sind es digitale Wunderwerke, die alles können, nach denen sich die Menschen richten, sich gar nach ihnen verzehren und sich nach deren Vorgaben bewegen, ohne je über die Konsequenzen nachzudenken.

In der Tat sind die Geräte smarter als ihre Vorgänger mit Uniform und Schnauzer. Doch wie ihre diktatorischen Vorläufer  nehmen sie Zeit und Raum ein, lassen keinen Zweifel daran aufkommen, dass wir abhängig sind von ihnen, wir nicht mehr ohne sie sein sollen oder wollen. Sie terminieren unsere Tage, ebenso die Nächte. Sie liefern uns den Konsum, nach dem wir so unglaublich begierig die Hände ausstrecken. Als Gegenleistung überwachen sie uns, verfolgen uns und geben uns einen Lebensrhythmus vor, der weder für uns noch andere Lebewesen vorbestimmt ist. Wenn wir das Haus ohne sie verlassen, kommen wir uns eigenartig leer und hilflos vor. Wir stehen mit ihnen auf und gehen nicht ohne sie zu Bett. Wir glauben über sie zu herrschen, doch längst haben sie Macht über uns.

Ich blättere in meinem Notizbuch und kritzle möglichst geräuschvoll diesen Text rein. Ein paar bewundernde Blicke in meine Richtung. Ich fühl mich wie ein Revoluzzer, der sich losgelöst von einem technischen Gerät dank Papier und Stift nicht in der grauen Masse verschwindet. Und es fühlt sich wider Erwarten gut an.

Die Last auf unseren Schuhltern

Geschuhlte Leserschaft

Haben Sie sich auch schon gefragt, wo sie herkommen? All die Schuhe auf Autobahnen und Kantonsstrassen oder gar jene abseits jeglicher Zivilisation, an Feldwegen herumlungernd? Nie paarweise sondern immer nur Einzelstücke, sogenannte Schuhnikate?
Ich fuhr letztens wieder an einem vorbei. Ein klobig verdreckter Salomon-Bergschuh. Sein letzter Träger hatte wohl genug vom Wandern und setzte Salomon mir nichts dir nichts in freier Wildbahn aus. Sollte der doch selber schauen, wie er zurecht kam. Und Salomon verharrt nun seiner letzten Tage – autonom, sich selbst überlassen – zwischen Flur und Weide und erfreut sich an den irritierten Blicken Durchreisender.

Salomon bleibt kein Einzelfall. Oh, nein. Diese Schuhrebellion nimmt erschreckende Formen an. Da liegt ein Puma hier, ein Manolo Blanik dort, Flip verlässt Flop auf der A2 zwischen Luzern und Sursee und Adidas-Schlarpen, die, ja die scheinen beängstigend gerne an Strassenböschungen abzuhängen. Ob sie von ihrem Pendant – rechts oder links – vermisst werden, das weiss der Geier. Das jeweilige Gegenstück ausfindig zu machen, das, geschuhlte Leserschaft, wär in der Tat ein Nonsensunterfangen.

Man möge sich die schuhrige Szenerie vorstellen: Irgend ein Schuhfetischist träge alle Schuhnikate – egal ob gross oder klein, dick oder dünn, ausgelatscht oder beinahe neu – nun, er träge alle Schuhe zusammen und legte sie auf einen Haufen. Und der Haufen würde wachsen. Wachsen zu einem Schuhldenberg und unter diesem Schuhldenberg wäre die ganze Schweiz begraben und die wenigen Überlebenden, genannt Schuhfte, würden sich einen Salomon Bergschuh krallen müssen um die Schuhtthalde hinaufkraxeln zu können. Oben angekommen, die Luft schon reichlich dünn, würden sie sich in die Arme fallen und rufen: oh Bata, Vögele, Ochsner Sport, Dosenbach und alle Schuhtzheiligen. Vergebt uns Schuhldigen. Es fällt uns nun wie Schuhppen von den Augen, wie schuhsselig und achtlos wir mit dem Schuhwerk umgegangen sind.

Und ich? Ich gehe gerne barfüssig durch die Welt und schreib über Schuhe. Ich bin der Schuhster, der bei seinen Leisten bleibt.