Alles ausser Liebe

Hin und wieder wird das Froilein darum gebeten, etwas über die Liebe zu schreiben. Ebenso oft, wie es darum gebeten wird, schlägt das Froilein den Wunsch nach Texten und Geschichten über die Liebe aus.

Warum?

«Liebe», geschätzte Leserschaft, ist ein derart grosser, mächtiger und angsteinflössender Überbegriff, einer, der in so viele Nuancen zu unterteilen ist, wie Menschen existieren. Und auch dort, in der Seele eines jeden Menschen, wirft der Begriff «Liebe» unterschiedliche Fragen auf, öffnet und schliesst er Türen im Unterbewusstsein, verlangt nach Wahn oder Wahrheit. Er trägt Menschen in ungeahnte Höhen, um sie daraufhin in die tiefsten Tiefen des Selbstzweifels fallen zu lassen. Selbst Shakespeare, dem grössten Dichter seiner Zeit, ist diese fürchterliche Ambivalenz in seinen unangefochtenen Werken anzumerken. So ist man heute noch beim Lesen seiner Werke geneigt zu denken, der Meister der Dichtung sei von Schizophrenie befallen gewesen. Mal lobt er die Liebe als Antrieb des Lebens, mal zerreisst er sie in ihre Einzelteile. Im Drama «Romeo und Julia» wagt er zu behaupten, dass Liebe alle und alles besiegen kann, auch über den Tod hinaus («kein steinern Bollwerk kann der Liebe wehren, denn Liebe wagt, was Liebe kann»). Während er sich im Stück «ein Sommernachtstraum» dem Wesen der Liebe komödiantisch, beinahe schon ironisch nähert («was soll ich mit der Liebe, wenn sie den Himmel mir zur Hölle macht»), zeigt er in «Othello», dass es mit ihr auch ein tragisches Ende nehmen kann. Denn Othellos Eifersucht ist es, die ihn dazu treibt Desdemona, sein Weib, im Ehebett zu erdrosseln («und dennoch fürcht’ ich dich, denn du bist schrecklich, wenn so dein Auge rollt. Warum ich fürchten sollte, weiss ich nicht, da ich von Schuld nichts weiss; doch fühl’ ich, dass ich fürchte»). Erst als Othello seinen Irrtum bemerkt, ersticht er sich selbst.

Shakespeare hat es geschafft: des übermächtigen Begriffs «Liebe» wahres Wesen aufzuzeigen. Aber auch er musste dafür etliche Dramen, Tragödien und Komödien schreiben, die – unbestritten – noch heute zu den bedeutendsten Bühnenstücken der Weltliteratur gehören.

Die «Liebe», geschätzte Leserschaft, ist eine Nummer zu gross. Für die meisten von uns – nicht nur für mich. Denn als grosses Ganzes will sie weder beschrieben noch gelebt werden. Die «Liebe», so scheint mir manchmal, entzieht sich allen Gesetzen, die wir für sie erstellt haben und führt uns nur zu gerne an der Nase herum.

Trotzdem: das Froilein beobachtet gerne. Und daraus entstehen Texte oder Gedichte. Ab und an haben die auch etwas mit «Liebe» zu tun. Mit Gewissheit zu sagen ist jedoch: das Froilein tut dies aus und mit Liebe. Und das ist es doch, was zählt.

Verflüchtigt

Zwei Fremde
getroffen von Amors Pfeil
mitten ins Herz
gehen zu Boden
berauscht
beraubt
betrogen
um des einen tiefen
Gefühls
der Verbundenheit
zweier Seelen.

So bleiben sie
liegen
bluten aus
nur Amors Pfeil
bleibt zurück
selbst die Hoffnung
die zuletzt stirbt
stirbt mit ihnen
mit.

Des Lebens Andante

Ich hangle mich
entlang
den Linien
im Wechselspiel
von Moll und Dur
stets bestrebt
zu schaffen
einen Raum
für Zwischentöne

In diesem Raum
nur
will ich verweilen
darauf warten
dass einer
unter ihnen
meine Seele
aufbricht und
zum Klingen bringt

So hangle ich
mich weiter
Solistin
zum gleichen Teil
auch Instrument
den Zwischentönen
folgend
letzten Endes Teil
der Melodie

Der Überrest

Ich kremple
nach aussen
mein Innerstes
es zaghaft
wieder überstülpend
wie ein neu
erworbenes Kleid
zieh zurecht
was zurecht zu ziehen gilt
stets versucht
es sorgsam zu behandeln.

Der Alltag tut
sein übriges
nutzt ab
nutzt aus
bis irgendwann
nicht aufzuhalten
das Ende naht
entbehrlich bleibt
allein
der letzte Fetzen
Seele.

Im Weihnachtssturm

Retrospektiv vergleicht das Froilein das Jahr 2016 gerne mit dem Glas Wasser auf dem Tisch, welches man versehentlich umstösst und sich dabei denkt: Verdammt schade.

In genau sieben Tagen wird 2016 ad acta gelegt und “unter ferner liefen” irgendwo weit hinten in der Weltbibliothek unauffindbar verstaut werden. Aus den Augen, aus dem Sinn, so die Verdrängstrategie. Nein, es ist nicht zu leugnen: etliche unschöne Dinge sind passiert in diesem Jahr. Dinge, die traurig stimmen, sich nicht so leicht reparieren lassen. Fern unserer sicheren Heimat wurden ganze Städte dem Erdboden gleich gemacht. Solche, die über Jahrtausende aufgebaut worden waren und deren Träume nun eine einzige Generation zerschlug. Unzählige Menschen befinden sich noch immer auf der Flucht. Auf der Flucht vor all dem Bösen, das wiederum von anderen Menschen ausgeht. Sie sind weder hier noch dort zu Hause, leben in Zwischenwelten. Hoffen und bangen, kämpfen ums Überleben. Hass überrumpelt Güte, wo er nur kann. Die Kluft zwischen fremd und nichtfremd wird von Tag zu Tag grösser. Wer diese Kluft zu überwinden versucht, wird in der Regel bestraft. Wer hineinfällt, hat eh verloren. Die Gründe für all diese Dinge mögen vielschichtig sein, sind vielleicht sogar erklärbar. Zu verstehen trotzdem nicht.

Vor zweihundert Jahren schrieb Johann W. Wilms: “Man sagt, heute sei Neujahr. Punkt 24 Uhr sei die Grenze zwischen dem alten und dem neuen Jahr. Aber so einfach ist das nicht. Ob ein Jahr neu wird, liegt nicht am Kalender, nicht an der Uhr. Ob ein Jahr neu wird, liegt an uns. Ob wir es neu machen, ob wir neu anfangen zu denken, ob wir neu anfangen zu sprechen, ob wir neu anfangen zu leben.”

Ja. Es liegt an und in uns. Es ist nie zu spät. Für gar nichts. Geben wir  2017, was es verdient. Eine Gesellschaft, die endlich lernt, sich gegenseitig zu respektieren. In diesem Sinne, geschätzte Leserschaft, wünscht das Froilein mit dem diesjährigen Weihnachtsgedicht allen da draussen geruhsame Feiertage. Mögen Zuversicht, Gelassenheit und dieser winzige Funke Humor, der für den Alltag von immenser Wichtigkeit ist, unsere Wegbegleiter sein, uns für eine friedvolle(re) Zukunft den Weg ebnen.

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In stürmischen Zeiten
der Stille
ermöglichen
sich ihren Platz zu suchen
um diese eine kleine Lücke
in unseren Herzen
unseren Gedanken
mit Frieden zu füllen.

Erkennen
dass Weihnachten
in uns ruht.
Heute
morgen
in jedem Augenblick.

(K.Hrup, 2016)

 

 

Trilogie im Park

Letztens verbrachte ich auf einer Bank sitzend an einem der wärmsten Spätsommerabende des Jahres eine Weile im Park. Ich wartete.

Auf jemanden oder etwas zu warten, ist verpönt. Warten wird mit Faulheit, Nichtstun und Langeweile gleichgesetzt. Warten bedeutet «Zeit totschlagen». Und schliesslich ist Zeit auch Geld. Nicht umsonst sind wir so stolz auf unsere Punktgenauigkeit. Kein Quantum an Zeit soll vergeudet und bis zur letzten Sekunde mit nützlicherem als Warten aus- oder aufgefüllt sein.

Oft vergessen wir – in der Regel, weil man gerade nichts mit der Wartezeit oder sich selber anzufangen weiss – dass beim Warten sich die Welt weiter dreht. Dass Dinge geschehen. Um uns herum und auch mit uns. 
Weshalb also nicht zulassen, nächstes Mal beim Warten die Gedanken auf Reisen zu schicken, statt zwanghaft ständig auf die Uhr zu schauen? Ich verrate Ihnen etwas: Diese Zeit, sie vergeht wie im Fluge.

8 mal 10 Meter

Artenvielfalt auf zwei Beinen
nicht grösser als einszehn
immer wieder
friedlich miteinander ringend
Staub wird wortlos abgeklopft
übrig bleiben Gesten
eine Umarmung
die heilt
Vielleicht auch zwei.

Um gleich darauf
Die nächste kleine Welt
zu erobern
hinabzutauchen
in die Tiefen
der unberührten Fantasie
Stets im Schutz der Linden
Sie spenden Schatten
wie auch Zeit.

Aussen vor die Grossen
einssechzig oder mehr
erstarrt in Zeit und Raum
sie fürchten sich davor
auch nur einen Fuss
in diese Welt zu stellen
die einer Seifenblase gleicht
die Grenzen ziehen
wo keine sind.

Gedankenreise

Ich wollte,
ich könnte
hinter deine Fassade gucken.
Immer dann,
wenn du durch mich hindurchblickst,
als wäre ich
nicht existent.
Immer dann,
wenn deine Augen offen sind für all das
da draussen.
Was gäbe ich für diesen einen
Gedanken,
der in dir reift.
Den einen unter vielen.

Auf der Parkbank

Spätsommerlicht tropft
wie Honig durchs Laub
ergiesset sich im Schwall
über die Wiese.

Meine Gedanken hüpfen
sind drunter und drüber
werden fortgezogen
wieder angespült.

Währenddessen
fünf Spatzen
zupfen, zerren, zerlegen
ein Blatt Papier.

In kleinste Einzelteile
welche jemand erst vor kurzem
noch zusammen fügte
mit Liebe oder auch nicht.

Sie erheben sich
beim nächsten Windstoss
tun es den Spatzen gleich
über die Wipfel hinweg.

Mein Blick, der ihnen folgt
verfängt sich in den Ästen
der Linde
bleibt dort sitzen.

Und ruht sich aus.