Aller Einfall ist gut

Das Froilein mag Kreativköpfe. Sich mit ihnen auseinander zu setzen, heisst, sich von strengen Vorgaben zu lösen und Gedanken frei und ohne jegliche Wertung fliessen zu lassen. Gerade in Zeiten von spontanem (manchmal auch skurrilem) Ideenaustausch entstehen tolle Texte. Im Falle des Froileins eine 3SatzGeschichte, die das Brainstorming in Worte fasst.

Ideenschmiede 2.0
So ist das mit meinen Einfällen zu deinen Einfällen. Sie bringen sich gegenseitig zu Fall, winden, rangeln und necken sich, kommen erschöpft übereinander zu liegen und jeder Einfall sagt zum Anderen: «ich falle nicht ins Gewicht.» Dann brechen sie untereinander zusammen und wir, wir fangen immer und immer wieder von vorne an.

Weitere 3SatzGeschichten hier.

Typologie der Begegnungen

Leben besteht aus Begegnung. So ganz ohne geht es nicht. Selbst der einsame Jäger, der in der Abgeschiedenheit der Wildnis seine Ruhe und den sprichwörtlichen Frieden zu finden versucht, ist vor Begegnung nicht gefeit. Auch wenn sich ihm nur sein eigenes Spiegelbild dazu anbietet.

Da trifft man also auf Dinge wie die Natur, die darin vorkommenden Tiere und allem voran andere Menschen. Dass gerade der Mensch in seiner DNA-Struktur ohne Zweifel über andere Spezies erhaben ist, zeigt sich unter anderem in der Typologie der Begegnungen:

Die Humorvolle

«Das Essen heute sieht mal wieder nach Notfallaufnahme aus, was meinen Sie?»
Gedachte Antwort: «Oh Gott, wie recht sie doch haben. Mein Magen dreht sich nur schon beim Anblick um.»
Vorbildliche Antwort: «Wir treffen uns dort. Sagen wir in 30 Minuten? Reservieren Sie schon mal ne Liege für mich mit.»

Die Kitschige

«Glaub mir, wir sind wie zwei suchende Kometen im Universum, die endlich zueinander gefunden haben.»
Gedachte Antwort: «Was geht ab? Hast du was geraucht?»
Vorbildliche Antwort: «Oh ja, Liebling. Und jedes Mal wenn wir uns berühren, erzeugen wir Sternschnuppen und erhellen die Nacht.»

Die Fragwürdige

«Entschuldigen Sie! Ich verstehe nicht, weshalb ich mein Kind mit zur ärztlichen Kontrolle bringen muss.»
Gedachte Antwort: «Entschuldigen Sie, aber lassen Sie ihr Auto für den jährlichen Service beim Garagisten auch zu Hause?»
Vorbildliche Antwort: «Werte Frau, der Kinderarzt muss Ihre Tochter untersuchen, damit er eine Diagnose stellen kann.»

Die Surreale

«Welche von den blauen Tellern hätten Sie denn gerne. Azur oder Marine?»
Gedachte Antwort: «nett, dass sie nachfragen, Sie Klugscheisser!»
Vorbildliche Antwort: «Scheiss auf blau, ich nehm dann doch lieber die Grünen. Die Moosgrünen.»

Die Unglückliche

«Ich wollte, wir wären uns früher begegnet.»
Gedachte Antwort: «Ach, wie sehr ich mir das auch wünschte. Geh nicht. Noch nicht. Bleib einfach noch eine kleine Weile.»
Vorbildliche Antwort: «Geniessen wir das Jetzt. Diesen Augenblick.»

Die Unausweichliche

«Ich muss Ihnen leider mitteilen, dass Ihr Zahn nicht mehr zu retten ist.»
Gedachte Antwort: «Na, dann mach den Müll endlich raus, du Fressenklempner. Jetzt, jetzt, jetzt! Ich ertrage diese Höllenschmerzen nicht mehr!»
Vorbildliche Antwort: «Grggglggggl!»

Hier könnten etliche weitere Beispiele stehen. Unerschöpflich das Mass an Möglichkeiten. Fakt ist jedoch: Was aus einer Begegnung entsteht, hat jeder selbst in der Hand. Mit einer unerwarteten Äusserung kann eine Begegnung eine völlig andere Wendung nehmen, als man es erwartet oder sich erhofft hat. Doch erst dadurch bleibt das Leben in Bewegung, bleibt es spannend.

Des Froileins liebste Begegnungen sind die Unerwarteten. Diejenigen, die in sein Leben platzen, ohne gefragt zu haben. Diejenigen, die überraschend erfrischend sind, die es zum Nachdenken, zum Lachen und zum Weinen bringen. Diejenigen, bei denen sich das Froilein beim Gedanken ertappt: «wo zum Teufel hast du so lange gesteckt?» Es sind auch die Begegnungen, die das Froilein nur ungerne wieder loslässt, gerade weil sie bereichernd und inspirierend sind.
Doch auch das gehört zu einer Begegnung. Egal, wie lange sie dauert, sie ist vergänglich. Zurück bleiben Erinnerungsstücke, die den Weg für weitere Begegnungen ebnen.

Im Weihnachtssturm

Retrospektiv vergleicht das Froilein das Jahr 2016 gerne mit dem Glas Wasser auf dem Tisch, welches man versehentlich umstösst und sich dabei denkt: Verdammt schade.

In genau sieben Tagen wird 2016 ad acta gelegt und “unter ferner liefen” irgendwo weit hinten in der Weltbibliothek unauffindbar verstaut werden. Aus den Augen, aus dem Sinn, so die Verdrängstrategie. Nein, es ist nicht zu leugnen: etliche unschöne Dinge sind passiert in diesem Jahr. Dinge, die traurig stimmen, sich nicht so leicht reparieren lassen. Fern unserer sicheren Heimat wurden ganze Städte dem Erdboden gleich gemacht. Solche, die über Jahrtausende aufgebaut worden waren und deren Träume nun eine einzige Generation zerschlug. Unzählige Menschen befinden sich noch immer auf der Flucht. Auf der Flucht vor all dem Bösen, das wiederum von anderen Menschen ausgeht. Sie sind weder hier noch dort zu Hause, leben in Zwischenwelten. Hoffen und bangen, kämpfen ums Überleben. Hass überrumpelt Güte, wo er nur kann. Die Kluft zwischen fremd und nichtfremd wird von Tag zu Tag grösser. Wer diese Kluft zu überwinden versucht, wird in der Regel bestraft. Wer hineinfällt, hat eh verloren. Die Gründe für all diese Dinge mögen vielschichtig sein, sind vielleicht sogar erklärbar. Zu verstehen trotzdem nicht.

Vor zweihundert Jahren schrieb Johann W. Wilms: “Man sagt, heute sei Neujahr. Punkt 24 Uhr sei die Grenze zwischen dem alten und dem neuen Jahr. Aber so einfach ist das nicht. Ob ein Jahr neu wird, liegt nicht am Kalender, nicht an der Uhr. Ob ein Jahr neu wird, liegt an uns. Ob wir es neu machen, ob wir neu anfangen zu denken, ob wir neu anfangen zu sprechen, ob wir neu anfangen zu leben.”

Ja. Es liegt an und in uns. Es ist nie zu spät. Für gar nichts. Geben wir  2017, was es verdient. Eine Gesellschaft, die endlich lernt, sich gegenseitig zu respektieren. In diesem Sinne, geschätzte Leserschaft, wünscht das Froilein mit dem diesjährigen Weihnachtsgedicht allen da draussen geruhsame Feiertage. Mögen Zuversicht, Gelassenheit und dieser winzige Funke Humor, der für den Alltag von immenser Wichtigkeit ist, unsere Wegbegleiter sein, uns für eine friedvolle(re) Zukunft den Weg ebnen.

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In stürmischen Zeiten
der Stille
ermöglichen
sich ihren Platz zu suchen
um diese eine kleine Lücke
in unseren Herzen
unseren Gedanken
mit Frieden zu füllen.

Erkennen
dass Weihnachten
in uns ruht.
Heute
morgen
in jedem Augenblick.

(K.Hrup, 2016)

 

 

Eine Frage der Perspektive

«Ich bin ein Frosch», sagte das Froilein oft als es noch klein war, hüpfte dabei auf und ab, machte quack-quack und nervte mitunter gehörig. Noch keine sechs Jahre alt wurde ihm von einem fremden Mann im weissen Kittel mitgeteilt, dass es möglicherweise nie über die Froschperspektive hinauswachsen würde. «Einmeterfufzig. Vielleicht zweiundfuzig; wenn’s hoch kommt», orientierte der Mann damals die Mama des Froileins. «Das könnte dann im Erwachsenenalter schwierig werden für den kleinen Frosch.» Doch die Mama meinte: «kleine Menschen sind auch Menschen.» Deshalb arrangierte sich das Froilein primär mit dem Blickwinkel des Frosches, den es nicht wirklich doof fand. Trotzdem war der Frosch manchmal traurig über den Zustand, weil die deutlich grösseren Kröten im Umfeld mit ihm Mitleid hatten, hin und wieder foppten. Und so lernte der Frosch alsbald klettern, kraxelte auf Bäume und Gerüste und spielte Vogel. Aus der Vogelperspektive sah alles verschwindend klein aus, selbst das Froschproblem. Doch dass dort oben auch nicht alles rosa und es bisweilen einsam war, die Sicherheit des Froschmilieus fehlte, es trotz unzähligen Versuchen nicht fliegen lernen konnte, wurde dem Froilein irgendwann bewusst. Zwei Faktoren waren für die Erkenntnis ausschlaggebend: Zeit und Perspektivenwechsel. Aus einem Frosch würde nie im Leben ein Vogel werden. Und auch keine Giraffe.

Dank der fiesen Sache namens Pubertät konnte das kleine Froilein dann doch rascher als es ihm lieb war über den Tellerrand hinaus blicken und fand sich beinahe übergangslos zwischen der Frosch- und Vogelperspektive wieder. Sichtlich irritiert darüber, weder das eine noch das andere, sondern einfach nur normal zu sein. Der Mann im weissen Kittel hatte sich verrechnet. Aus «Einmeterfufzig» wurden glatt «Einsfünfundsechzig». Es zog daraus den Schluss, dass Männer in weissen Kitteln zweifelsohne nicht immer Recht behalten.

Welche Bedeutung die Wahl der Perspektive hat, zeigt sich nicht nur beim Schreiben und Erzählen von Geschichten. Auch im Alltag ist es von Vorteil nicht auf einer Perspektive hocken zu bleiben. Wer sich häuslich in einer Komfortzone einzurichten und sich womöglich nie wieder auf das Abenteuer Polyperspektive einzulassen gedenkt – ein Abenteuer, welches man als Kind noch ganz selbstverständlich in ein Spiel einschloss – läuft wohl oder übel Gefahr, pragmatisch und langweilig zu werden.
Eine Sache oder eine Person aus verschiedenen Warten auszuleuchten, sich ihr zu nähern und vielleicht auch wieder zu entfernen, bevor man (Vor-)Urteile fällt, ist und bleibt existentiell. Ja, es bedeutet Arbeit an sich selbst, braucht Mut und Überwindung um sein gewohntes Terrain zu verlassen. Und nein, es kostet nicht wirklich etwas.

Nichts ist schlimmer als immer ein Frosch zu bleiben ohne jemals den Versuch unternommen zu haben, auf einen Baum zu steigen, dem Vogel «Hallo» zu sagen und mit ihm Freundschaft zu schliessen. Erst verschiedene Betrachtungsweisen ergeben ein Gesamtbild.
Hat man diesen Schritt mal gewagt, wird das Gefühl der Empathie auf einmal greifbar nah.

Gesellschaftsdemenz 2015

Das Froilein ärgert sich gelegentlich über das fehlende Feingefühl etlicher Zeitgenossen. Da stellt sich die Frage: ist es legal, den Ärger in Worte zu fassen und ihm eine Stimme zu geben? Ja, ist es. 

Selbst ein Dachziegel begegnet seinesgleichen in diesen schlampigen Tagen mit mehr Verstand, Empathie und Beständigkeit, als manch ein Mensch seinem Mitmenschen. Sich selbstgefällig in einen Olymp hochschaukelnd und auf einen imaginären Thron setzend, vergessen diese Menschen bisweilen, dass auch sie nicht mehr sind als ein rein biologisch abbaubares Produkt. Dass auch ihr süffisant aufgesetztes Lächeln ihnen nicht über die Tatsache hinweghilft, irgendwann als aufgespaltenes Molekül zu enden.

Neulenker unter sich oder die Destruktion der deutschen Sprache

Sprache wandelt sich. Das war immer so und wird sich auch in Zukunft nicht ändern. Die eine Reform löst die nächste ab, die Rechtschreibung wird alle paar Jahrzehnte mal über den Haufen geworfen, schon alleine des Spasses wegen. Wenn Germanistiker sich ängstigen, der Gesprächsstoff könnte ihnen irgendwann ausgehen, haben sie weit gefehlt. Sie dürfen weiterhin ihre Köpfe zusammenstecken und sich über neue Sprachphänomene wundern, beziehungsweise austauschen, so viel ist sicher. Langweilig wird es nicht, wenn es um die Sprache und ihre Wissenschaft geht. Bis dahin also alles easy.
Mit diesem Wissen im Gepäck wandle ich demnach durch Zeit und Raum, wirke oftmals schon veraltet, weil ich mit Worten hantiere, gar hinterherhinke, die heute kaum einer noch zu gebrauchen gedenkt. Die ich dennoch nicht weniger schön finde. Aber was bringt es, Worte zu benutzen, die der heutigen Generation völlig fremd scheinen? Kann man dann noch schreiben, was man eigentlich sagen möchte oder muss man bereits das Gesagte transkribieren? Bis dahin also alles easy.
Aber heute, heute morgen im Parkhaus, machte ich mir zum ersten Mal in meinem Leben ernsthaft Sorgen um das Sprachgut und seine Benutzung. Den Sorgen ging folgender Dialog zwischen zwei Neulenkern voraus (beide aus dem Seitenfenster raus brüllend):

«He, Aldda!»
«Wa?»
«Mach ma wech!»
«Wasn?»
«n’Arsch!»
«Wasnfürn’ Arsch! Du bis fürn’Arsch!»
«Aldda! Schieb ab und halt’s Maul!»
«Selba!»

Liebe Menschen des 21. Jahrhunderts ich bitte inständig darum: formuliert ganze Sätze und schluckt Wortendungen nicht einfach runter, wie der letzte, unzerkaute Bissen eures Schnitzels vom Mittagessen. Ach, wie oft könnten wir Missverständnisse vermeiden. Solltet ihr vergessen oder nie gelernt haben, wie das geht, schaut es euch bei denen ab, die es noch können. Ansonsten tut mir den Gefallen und benutzt einfach eine Art Zeichensprache. Alles andere kommt etwa der Amputation eines Körperteils gleich.

P.S: Insgeheim hoffe ich ja, die Kinder der beiden jungen Männer aus dem Parkhaus mögen sie wieder finden. Die anderen Buchstaben des Alphabets. Ich hoffe, sie mögen wieder eine Sprache finden, die der Menschheit würdig ist. Eine, die uns doch noch vom Tier trennt.