Das Versagertum und seine Auswirkungen

Versagen ist ein grosses, unwiderrufliches Wort. Und ein verdammt destruktives.

Fakt ist: Urkunden und Diplome, schwarz gerahmt, geschützt hinter Glas und bereit für eine kleine Ewigkeit konserviert zu bleiben, krönen Erfolge und dekorieren erstaunlich viele Wände in Schweizer Haushalten, Praxen und Geschäften. In unseren Breitengraden wird leistungs- und erfolgsorientiert gelebt. Wer seine Zeit heutzutage nicht mit zig Nachdiplomstudiengängen, Fortbildungsveranstaltungen und Weiterbildungen vertut, die in einem Meer aus Auszeichnungen münden, sondern sich «nur» mit einem intensiven Hobby beschäftigt, gilt als komischer Kauz. Wer im schlimmsten Fall gar eine Ausbildung repetieren muss, wird früher oder später von einer selbsternannten Fraktion als Versager abgestempelt. Dass es nicht die Urkunde an sich, sondern der Weg dorthin ist, der einen Menschen auszeichnet, gerät leider viel zu oft und viel zu schnell in Vergessenheit.

Versagen ist ein grosses, unwiderrufliches Wort. Und ein verdammt destruktives.

Ja, ich verdränge es nicht. Es gibt ihn. Den affektierten Teil der Gesellschaft, der weder über die Person noch über die Umstände ihres Scheiterns Bescheid weiss, der liebend gerne voreilig über ebenjene ein Urteil fällt und sie als Versager bezeichnet. Das ist ärgerlich. Noch ärgerlicher ist, dass wir es uns bisweilen selbst einreden und uns dabei schlecht fühlen. Versagen lässt keinen Raum offen. Für nichts. In den Köpfen heisst versagen ein Abschluss ohne Aussicht auf Wiederholung. Nicht weil das Versagen an sich falsch ist, sondern weil man es zulässt, dass es einem beherrscht und womöglich ein Leben lang an der Seele nagt. Dieser kleine, feine Stich, der uns zwickt und uns immer wieder daran erinnert, dass wir dieses oder jenes nicht erreicht oder geschafft haben, obwohl wir es so gerne wollten. Diese Haltung geben wir weiter. An die Nächsten, die von uns lernen und an die Übernächsten, die von uns abgucken. Wollen wir unseren Kindern vermitteln, dass das Versagen die grösste Schwäche auf Erden ist? Wollen wir ihnen wirklich diese Abgestumpftheit zumuten, der wir zu entfliehen versuchen?

Versagen ist ein grosses, unwiderrufliches Wort. Und ein verdammt destruktives.

Weshalb vertretend für «ich habe versagt» nicht die Formulierung «ich habe es versucht» benutzen? Oder «es ist mir (noch) nicht gelungen». Es löst sowohl im eigenen wie auch in Köpfen anderer ein Bild von Stärke aus. Wer sein Scheitern nicht als endgültig sondern als Chance betrachtet und bereit ist, daran zu arbeiten, gegebenenfalls einen längeren oder anderen Weg in Kauf zu nehmen als ursprünglich geplant oder von der Gesellschaft vorgegeben, sich neu zu orientieren, wer gewillt ist, all die negativen Stimmen zu überhören, von vorne zu beginnen und ein bisschen wie der Phönix aus der Asche zu entsteigen, kann nur gewinnen. Natürlich erhält dafür niemand eine Urkunde, die an die Wand genagelt werden kann. Die Behörde, die das Diplom zur Erreichung «des gestärkten Lebenswegs» ausstellt, ist noch inexistent. Man möge es als pragmatisch bezeichnen, doch eine fehlende Urkunde an der Wand schafft Platz. Für etwas Schöneres und Bedeutenderes.

Eine Frage der Perspektive

«Ich bin ein Frosch», sagte das Froilein oft als es noch klein war, hüpfte dabei auf und ab, machte quack-quack und nervte mitunter gehörig. Noch keine sechs Jahre alt wurde ihm von einem fremden Mann im weissen Kittel mitgeteilt, dass es möglicherweise nie über die Froschperspektive hinauswachsen würde. «Einmeterfufzig. Vielleicht zweiundfuzig; wenn’s hoch kommt», orientierte der Mann damals die Mama des Froileins. «Das könnte dann im Erwachsenenalter schwierig werden für den kleinen Frosch.» Doch die Mama meinte: «kleine Menschen sind auch Menschen.» Deshalb arrangierte sich das Froilein primär mit dem Blickwinkel des Frosches, den es nicht wirklich doof fand. Trotzdem war der Frosch manchmal traurig über den Zustand, weil die deutlich grösseren Kröten im Umfeld mit ihm Mitleid hatten, hin und wieder foppten. Und so lernte der Frosch alsbald klettern, kraxelte auf Bäume und Gerüste und spielte Vogel. Aus der Vogelperspektive sah alles verschwindend klein aus, selbst das Froschproblem. Doch dass dort oben auch nicht alles rosa und es bisweilen einsam war, die Sicherheit des Froschmilieus fehlte, es trotz unzähligen Versuchen nicht fliegen lernen konnte, wurde dem Froilein irgendwann bewusst. Zwei Faktoren waren für die Erkenntnis ausschlaggebend: Zeit und Perspektivenwechsel. Aus einem Frosch würde nie im Leben ein Vogel werden. Und auch keine Giraffe.

Dank der fiesen Sache namens Pubertät konnte das kleine Froilein dann doch rascher als es ihm lieb war über den Tellerrand hinaus blicken und fand sich beinahe übergangslos zwischen der Frosch- und Vogelperspektive wieder. Sichtlich irritiert darüber, weder das eine noch das andere, sondern einfach nur normal zu sein. Der Mann im weissen Kittel hatte sich verrechnet. Aus «Einmeterfufzig» wurden glatt «Einsfünfundsechzig». Es zog daraus den Schluss, dass Männer in weissen Kitteln zweifelsohne nicht immer Recht behalten.

Welche Bedeutung die Wahl der Perspektive hat, zeigt sich nicht nur beim Schreiben und Erzählen von Geschichten. Auch im Alltag ist es von Vorteil nicht auf einer Perspektive hocken zu bleiben. Wer sich häuslich in einer Komfortzone einzurichten und sich womöglich nie wieder auf das Abenteuer Polyperspektive einzulassen gedenkt – ein Abenteuer, welches man als Kind noch ganz selbstverständlich in ein Spiel einschloss – läuft wohl oder übel Gefahr, pragmatisch und langweilig zu werden.
Eine Sache oder eine Person aus verschiedenen Warten auszuleuchten, sich ihr zu nähern und vielleicht auch wieder zu entfernen, bevor man (Vor-)Urteile fällt, ist und bleibt existentiell. Ja, es bedeutet Arbeit an sich selbst, braucht Mut und Überwindung um sein gewohntes Terrain zu verlassen. Und nein, es kostet nicht wirklich etwas.

Nichts ist schlimmer als immer ein Frosch zu bleiben ohne jemals den Versuch unternommen zu haben, auf einen Baum zu steigen, dem Vogel «Hallo» zu sagen und mit ihm Freundschaft zu schliessen. Erst verschiedene Betrachtungsweisen ergeben ein Gesamtbild.
Hat man diesen Schritt mal gewagt, wird das Gefühl der Empathie auf einmal greifbar nah.

Neulenker unter sich oder die Destruktion der deutschen Sprache

Sprache wandelt sich. Das war immer so und wird sich auch in Zukunft nicht ändern. Die eine Reform löst die nächste ab, die Rechtschreibung wird alle paar Jahrzehnte mal über den Haufen geworfen, schon alleine des Spasses wegen. Wenn Germanistiker sich ängstigen, der Gesprächsstoff könnte ihnen irgendwann ausgehen, haben sie weit gefehlt. Sie dürfen weiterhin ihre Köpfe zusammenstecken und sich über neue Sprachphänomene wundern, beziehungsweise austauschen, so viel ist sicher. Langweilig wird es nicht, wenn es um die Sprache und ihre Wissenschaft geht. Bis dahin also alles easy.
Mit diesem Wissen im Gepäck wandle ich demnach durch Zeit und Raum, wirke oftmals schon veraltet, weil ich mit Worten hantiere, gar hinterherhinke, die heute kaum einer noch zu gebrauchen gedenkt. Die ich dennoch nicht weniger schön finde. Aber was bringt es, Worte zu benutzen, die der heutigen Generation völlig fremd scheinen? Kann man dann noch schreiben, was man eigentlich sagen möchte oder muss man bereits das Gesagte transkribieren? Bis dahin also alles easy.
Aber heute, heute morgen im Parkhaus, machte ich mir zum ersten Mal in meinem Leben ernsthaft Sorgen um das Sprachgut und seine Benutzung. Den Sorgen ging folgender Dialog zwischen zwei Neulenkern voraus (beide aus dem Seitenfenster raus brüllend):

«He, Aldda!»
«Wa?»
«Mach ma wech!»
«Wasn?»
«n’Arsch!»
«Wasnfürn’ Arsch! Du bis fürn’Arsch!»
«Aldda! Schieb ab und halt’s Maul!»
«Selba!»

Liebe Menschen des 21. Jahrhunderts ich bitte inständig darum: formuliert ganze Sätze und schluckt Wortendungen nicht einfach runter, wie der letzte, unzerkaute Bissen eures Schnitzels vom Mittagessen. Ach, wie oft könnten wir Missverständnisse vermeiden. Solltet ihr vergessen oder nie gelernt haben, wie das geht, schaut es euch bei denen ab, die es noch können. Ansonsten tut mir den Gefallen und benutzt einfach eine Art Zeichensprache. Alles andere kommt etwa der Amputation eines Körperteils gleich.

P.S: Insgeheim hoffe ich ja, die Kinder der beiden jungen Männer aus dem Parkhaus mögen sie wieder finden. Die anderen Buchstaben des Alphabets. Ich hoffe, sie mögen wieder eine Sprache finden, die der Menschheit würdig ist. Eine, die uns doch noch vom Tier trennt.

Mikrokosmos versus Makrokosmos

Manchmal hadere ich. Ich hadere, weil ich mir nicht sicher bin. Ich bin mir nicht sicher, was wichtiger ist. Ist es wichtiger, ständig über weltbewegende Themen zu schreiben und damit den bescheidenen, gewöhnlichen, oftmals gewöhnungsbedürftigen Alltagsmomenten den Platz auf dem Podest zu rauben? Ist es wichtiger, ständig über den Alltag und seine Monotonie zu berichten und darüber die weltbewegenden Themen zu vergessen?
Eines mag gewiss sein: Die Summe all jener Alltage, denen wir begegnen, denen wir zu- oder abgeneigt sind, die wir lieben und verachten, all jene Alltage, mögen sie noch so bescheiden sein, zeichnen uns ein Bild. Das Bild der Gesellschaft, in der wir selber leben. Und wenn wir danach Ausschau halten und ein bisschen Glück haben, finden wir in diesen alltäglichen Kleinigkeiten Themen, die die Welt bewegen.

Um diesen Alltagsszenen Raum zu schaffen, gibt es auf Textzentrale.ch die Reihe “neulich in” zu lesen.

Neulich in der Stadt:

  • Ein junges Paar Händchen haltend unter dem Sonnenschutz im Strassencafé. Beide gucken auf ihr Smartphone. Beide lächeln. Ein Lächeln, das nicht dem Gegenüber gilt.
  • Eine Mutter, die ihr schulpflichtiges Kind in einen Buggy gezwängt vor sich her schiebt. Zu wenig Zeit, zu langsam deine Beine, ihre Antwort auf die quälende Frage des Jungen.
  • Ein Fischer am Pier. Er überlässt die Hälfte seines Butterbrots einem Schwan und freut sich über dessen Zuwendung. Der Köder hüpft auf der Wasseroberfläche auf und ab.
  • Eine Frau, die schlanken Beine übereinander geschlagen, das Gesicht einer Göttin, alleine an einem Tisch. Sie nippt am Prosecco, an jedem Finger ein Ring.
  • Ein Tourist, der sich davon ein Bild macht, wie er mit seiner Kamera an einem Stab ein Bild von sich machen könnte. Dutzende von Menschen gehen an ihm vorbei.
  • Ein alter Mann und eine alte Frau in der Menge. Sie halten sich an den Händen. Stützen sich bei jedem Schritt. Kein Wort, nur Blicke.
  • Ein Mädchen auf der Brücke starrt ins Wasser, wirft Kiesel auf ihr Spiegelbild. Wendet sich angewidert ab.

Ich, sitzend und wartend auf der Treppe. Ich sehe euch. Ich sehe euch zu. Doch erst die Erkenntnis macht Sinn.

Wir können’s nicht so

Verdammt, nein!
Wir gestehen. Unser Verhältnis ist gespalten. Die Zusammenführung schlug sowohl im Einschulungsalter als auch in den nachfolgenden Lehrjahren fehl. Eine Wiedervereinigung – vergleichsweise wie mit Ost- und Westdeutschland – nicht auszudenken. Der Grund: was sich nie einig war, kann unmöglich wieder vereint werden. „Ihr könnt’s nicht so miteinander“, einst die Aussage des Oberstufenlehrers. Die hab ich mitgenommen und leb noch heute danach. Ich habe den Zustand akzeptiert. Von meinem Erzfeind kann ich das leider nicht behaupten.

Unlängst wurde ich von meinen Nichten gefragt, was in meiner Schulzeit für mich besonders schlimm und prägend war. Lange musste ich nicht überlegen. Auch wenn man mit fortschreitendem Alter denkt, es abgeschüttelt zu haben, gestörte Verhältnisse sind wie Aufkleber. Sie haften an dir, an Stellen, die du nicht im Blickfeld hast, bis du schlussendlich von jemandem darauf aufmerksam gemacht wirst.

Ich erzählte ihnen also von mir und meiner Auseinandersetzung mit den Zahlen. Sie erfuhren die ganze, die wahre Geschichte. Die Geschichte über den andauernden Krach mit der Mathematik, dem Geraufe mit Gleichungen, die nie aufgehen oder aufgeben wollten und den Dreisätzen, die ich in sieben Schritten und mehr zu lösen versuchte. Was Buchstaben beim Rechnen verloren hatten – genannt Arithmetik und Algebra (prosaisch) – fand ich damals schon bescheuert. Ich erzählte ihnen vom Streit mit dem Dezimalsystem, welches sich entschlossen und unaufhörlich mit mir anlegen wollte. Weshalb mir bei Brüchen schlecht wurde und ich bis zum Erbrechen alles teilte, was sich zwischen mich und das Mathematikheft drängte. Ich erzählte ihnen alles. Auch vom Tag, an dem ich aufgab und für mich entschied, dass „wir’s einfach nicht so können.“

Diesem Missstand zuzuschreiben ist, dass ich im Alltag immer wieder stolpere und in Fettnäpfchen trete. Ich vergesse Jubiläen, Jahreszahlen kann ich mir ohnehin nicht merken. Beim Eintippen verwechsle ich oftmals Zahlenkombinationen. So kommt es nicht selten vor, dass ich einen völlig Fremden an der Strippe habe, der mich der Werbebelästigung bezichtigt, anstatt mir Auskunft zu geben. Ich schreibe auch im Juni des laufenden Jahres noch die Zahl vom Vorjahr auf’s Blatt. Und wenn in der Tagesschau die Rede von Milliardenverlusten ist, frage ich mich primär, wie viele Nullen bei einer Milliarde hinter der Eins stehen.

Diesem Missstand zu verdanken ist, dass ich schon früh meine Energie und mein Lernwille in mir wichtiger scheinende Dinge investierte. Worte. Sprache. Schrift. Dort schloss ich Zahlenreihen aus und versuche noch heute, sie nicht ständig überhand nehmen zu lassen. Überzählig sind sie allemal.

In diesem Sinne: Danke, Mathematik! Auch wenn wir’s nicht so können, irgendwie können wir’s doch so, einfach nur anders.

Übrigens: die Textzentrale feierte am 15. April ihren ersten Geburtstag. Auch dieser Jahrestag ging im Zahlenwahn unter. Nichtsdestotrotz: wir bedanken uns bei der Leserschaft für die Treue und wünschen weiterhin viel Lesevergnügen.