Typologie der Begegnungen

Leben besteht aus Begegnung. So ganz ohne geht es nicht. Selbst der einsame Jäger, der in der Abgeschiedenheit der Wildnis seine Ruhe und den sprichwörtlichen Frieden zu finden versucht, ist vor Begegnung nicht gefeit. Auch wenn sich ihm nur sein eigenes Spiegelbild dazu anbietet.

Da trifft man also auf Dinge wie die Natur, die darin vorkommenden Tiere und allem voran andere Menschen. Dass gerade der Mensch in seiner DNA-Struktur ohne Zweifel über andere Spezies erhaben ist, zeigt sich unter anderem in der Typologie der Begegnungen:

Die Humorvolle

«Das Essen heute sieht mal wieder nach Notfallaufnahme aus, was meinen Sie?»
Gedachte Antwort: «Oh Gott, wie recht sie doch haben. Mein Magen dreht sich nur schon beim Anblick um.»
Vorbildliche Antwort: «Wir treffen uns dort. Sagen wir in 30 Minuten? Reservieren Sie schon mal ne Liege für mich mit.»

Die Kitschige

«Glaub mir, wir sind wie zwei suchende Kometen im Universum, die endlich zueinander gefunden haben.»
Gedachte Antwort: «Was geht ab? Hast du was geraucht?»
Vorbildliche Antwort: «Oh ja, Liebling. Und jedes Mal wenn wir uns berühren, erzeugen wir Sternschnuppen und erhellen die Nacht.»

Die Fragwürdige

«Entschuldigen Sie! Ich verstehe nicht, weshalb ich mein Kind mit zur ärztlichen Kontrolle bringen muss.»
Gedachte Antwort: «Entschuldigen Sie, aber lassen Sie ihr Auto für den jährlichen Service beim Garagisten auch zu Hause?»
Vorbildliche Antwort: «Werte Frau, der Kinderarzt muss Ihre Tochter untersuchen, damit er eine Diagnose stellen kann.»

Die Surreale

«Welche von den blauen Tellern hätten Sie denn gerne. Azur oder Marine?»
Gedachte Antwort: «nett, dass sie nachfragen, Sie Klugscheisser!»
Vorbildliche Antwort: «Scheiss auf blau, ich nehm dann doch lieber die Grünen. Die Moosgrünen.»

Die Unglückliche

«Ich wollte, wir wären uns früher begegnet.»
Gedachte Antwort: «Ach, wie sehr ich mir das auch wünschte. Geh nicht. Noch nicht. Bleib einfach noch eine kleine Weile.»
Vorbildliche Antwort: «Geniessen wir das Jetzt. Diesen Augenblick.»

Die Unausweichliche

«Ich muss Ihnen leider mitteilen, dass Ihr Zahn nicht mehr zu retten ist.»
Gedachte Antwort: «Na, dann mach den Müll endlich raus, du Fressenklempner. Jetzt, jetzt, jetzt! Ich ertrage diese Höllenschmerzen nicht mehr!»
Vorbildliche Antwort: «Grggglggggl!»

Hier könnten etliche weitere Beispiele stehen. Unerschöpflich das Mass an Möglichkeiten. Fakt ist jedoch: Was aus einer Begegnung entsteht, hat jeder selbst in der Hand. Mit einer unerwarteten Äusserung kann eine Begegnung eine völlig andere Wendung nehmen, als man es erwartet oder sich erhofft hat. Doch erst dadurch bleibt das Leben in Bewegung, bleibt es spannend.

Des Froileins liebste Begegnungen sind die Unerwarteten. Diejenigen, die in sein Leben platzen, ohne gefragt zu haben. Diejenigen, die überraschend erfrischend sind, die es zum Nachdenken, zum Lachen und zum Weinen bringen. Diejenigen, bei denen sich das Froilein beim Gedanken ertappt: «wo zum Teufel hast du so lange gesteckt?» Es sind auch die Begegnungen, die das Froilein nur ungerne wieder loslässt, gerade weil sie bereichernd und inspirierend sind.
Doch auch das gehört zu einer Begegnung. Egal, wie lange sie dauert, sie ist vergänglich. Zurück bleiben Erinnerungsstücke, die den Weg für weitere Begegnungen ebnen.

Der grammatikalische Überfall

Während eines Winterspaziergangs wurde Herr Zweifel von seiner Altbekannten, der Waswärewenn, verfolgt, überwältigt und zu Boden gerissen, wo er schlussendlich bewusstlos liegen blieb.
Ein heftiger Schlag ins Gesicht und die Worte des Präsens «wach endlich auf, du verfluchter Narr!» liessen ihn zu sich kommen.
Am Horizont tauchte die aufgehende Sonne die Zukunft in orangfarbenes Licht.

Dies ist eine 3SatzGeschichte. Weitere finden Sie hier.

In den Kleidern meines Bruders

Neulich im Kinderbekleidungsgeschäft

Den Kindergrössen ist das Froilein längst entwachsen. Auch wenn in emotionaler Hinsicht immer noch Entwicklungsbedarf bestehen mag, darf es mit Stolz verkünden: Das Froilein trägt Erwachsenenklamotten. Folglich und weil es keine eigenen Kinder hat, ist es äusserst selten in Kinderbekleidungsgeschäften anzutreffen. Dennoch kam das Froilein erst kürzlich nicht drum herum. Ein neuer Erdenbürger hatte sich angekündigt, ein Willkommensgeschenk wollte gefunden werden. So stand das Froilein also im Laden und wühlte sich verzweifelt durch die kleinste Grösse auf der Suche nach etwas, das weder rosa noch himmelblau schimmerte und wurde trotz Gefluche über Klischees – nicht fündig. Zwei Frauen in seinem Alter kreuzten seinen Weg, betütelten ihre Mädchen, das eine schon im gehfähigen, das andere noch im Maxi-Cosi-Alter, doch beide von Kopf bis Fuss in rosa Tüll gehüllt. Die Nägelchen der winzigen Finger bemalt, posierte die Grössere gekonnt vor dem Spiegel, warf sich ein pinkfarbenes Prinzessinnencape über die Schultern, schickte ihrem Spiegelbild Luftküsse zu und entlockte damit den beiden Frauen einen Seufzer. Die Mutter der kleinen Diva setzte ihr ein silbernes Diadem aus Hartplastik und Glitzersteinen auf den Kopf und rückte die entrückten Locken zurecht. Beherzt krallte sich die andere Frau ein Mini-Diadem und setzte es ihrem Winzling aufs Haupt: „schau nur, wir sind Mütter von Prinzessinnen. Jetzt müssen wir nur noch ihre tapferen Ritter finden.“ Unter Gelächter steuerten sie auf die Kasse zu, nicht ohne sich für die nächste Woche wieder zu verabreden. Und die Übernächste.
Das Froilein schaute lange und ungläubig den vermeintlich intelligent aussehenden Damen nach. Ihm war ob dieser Szene regelrecht speiübel geworden und es hätte gerne gekotzt, auf der Stelle, besann sich dann doch eines Besseren. In Kinderbekleidungsgeschäften zu kotzen, macht sich einfach schlecht im Lebenslauf.

Ich trug sie nach. Die Kleider meines Bruders. Zumindest so lange, wie ich reinpasste. Nicht etwa, weil ich musste, sondern weil es seinerzeit einfach üblich war, anderer Leute Kleidung nachzutragen. Man nannte es Weiterverwertung. Da kam es nicht darauf an, ob die braune Cordhose für ein Mädchen oder einen Knaben bestimmt, ob das Hemd gelb, grün, rosa oder blau war. Klebeflies-Flicken zum Aufbügeln waren hip, denn Risse und Flicken zeugten nicht nur vom Alter des Kleidungsstücks, sondern auch vom Freiheitsdrang und der Abenteuerlust des Vorträgers oder der Vorträgerin.
Ich trug sie nach. Die Kleider meines Bruders, seine Hosen, die schon etlichen Stürmen stand gehalten hatten und ebenso für mich stand halten würden, seinen Pullover in dem ich einen arktischen Winter überlebt hätte, wäre denn einer gekommen. Darin lag nichts Märchenhaftes, aber auch nichts Verwerfliches. Trug ich Kleider nach, wurde mir vermittelt: Sei was du willst, egal, was du trägst. Allein von Bedeutung ist, wer du darunter bist. So lernte ich beim Blick in den Spiegel, mich nicht mit Jungen- oder Mädchenkleidern, nicht mit einer Rolle zu identifizieren, die mir sozusagen auf den Leib geschneidert worden war, sondern sah mich – das Kind.

Ich erschrecke also über den Zustand, dass wahrlich gescheite Frauen, die sich Feministinnen nennen, die sowohl Haushalt als auch Job, Kinder, Hund und Mann unter einen Hut zu bringen versuchen, nicht davor zurückschrecken, ihre Töchter und ihre Söhne in eine normierte, klischeebehaftete Rolle zu stecken, von der sie mit höchster Wahrscheinlichkeit selbst verschont geblieben sind. Welchen Gewinn erhofft man sich daraus? Wollen alle Mädchen wirklich um jeden Preis Prinzessinnen sein? Von ihren Müttern in rosa Tüll gehüllt? Wollen alle Buben stolze Ritter sein und mit einem Schwert das holde Fräulein aus der Burg retten? Was geschieht, wenn der Sohn lieber die Prinzessin sein will, wenn die Tochter sich dazu entschliesst, weder Prinzessin noch Ritter sondern – oh Schreck – nur das einfache Kind von Nebenan zu sein? Lernte uns Erwachsenen die Erfahrung nicht, wie schwer es ist, aus einer Rolle auszusteigen, wenn man zu tief in einer drinsteckt?
Wir, die Kinder von Damals mit den Flicken auf den Knien der ausgebeulten Hosen des Bruders oder der Schwester, verdrängen oft, dass wir nun die Aufgabe inne haben, den Kindern von Heute Werte zu vermitteln, die sie zum Heranreifen benötigen. Sie als Individuen und nicht als Objekte zu behandeln, denen man einfach ein Prinzessinnenkleid überziehen kann, um Prinzessinnen aus ihnen zu machen.
Schenken wir Ihnen doch deshalb lieber das Vertrauen und das Recht, sich selbst aussuchen zu können, wer sie wirklich sind, bevor wir ihnen eine Rolle aufbürden, ehe die ersten Zähne kommen. Schenken wir ihnen die Zuversicht, alles erreichen zu können, wenn sie es versuchen. Schenken wir ihnen die Zeit, herauszufinden, was von Bedeutung ist und schenken wir ihnen vor allem die Liebe, sich selbst zu lieben, als Mensch – frei von allen Rollen.

Die Leichtigkeit im Sein

Gestern sah ich dich auf der Wiese vor meinem Haus sitzen. Keine zwei Meter von mir entfernt. Erhaben über alles, zwischen sturmgeknickten Ähren schimmerte dein Federkleid im Licht der untergehenden Herbstsonne. Es schien beinahe, als hättest du dir ein goldenes Gewand übergeworfen, um mich in diesem Moment von deiner leuchtenden Stille zu überzeugen. Und während ich dich dabei beobachtete, wie du mich aus deinen stecknadlkopfgrossen Augen fixiertest, glaubte ich plötzlich daran, dass Sonne und Mond wahrscheinlich nur um deinetwillen existierten, dass Stürme nur deinetwegen tobten. Als wäre alles auf dich und dein goldenes Federkleid ausgerichtet, dass nur du die Macht besässest, allem Tun Einhalt zu gebieten.

Ich streckte die Hand nach dir aus, wollte deine leuchtende Stille auf mich überfliessen lassen, dich ein einziges mal berühren, wenn auch nur flüchtig. Ich wollte mir für mein letztes Kapitel, das ich irgendwann aufschlagen würde, eine Erinnerung schaffen, irgendwann mal erzählen können, wie sich die Ehrfurcht anfühlte, die du heraufbeschworen hattest. Doch im selben Moment breitetest du deine Schwingen aus. Kurz sah es danach aus, als wärst du bereit mich zu umarmen und dich dafür zu bedanken, dass ich dich erkannt hatte. Ohne zu zögern liessest du dich von einem Windstoss erfassen, der wie für dich geschaffen schien, dich Kreis um Kreis höher trug, ohne dass dir ein einziger Flügelschlag abverlangt wurde. Bis du irgendwann nur noch als winziger Punkt am Himmel auszumachen warst.

Zurück blieb ich voller Demut und erkenne hier und jetzt, dass ich das, was ich suche, schon selber bin. Dass Erinnerungen längst da sind und nur noch auf Entdeckung warten.

gewidmet dem Rotmilan, der tagtäglich seine Kreise über meinem Hausdach zieht.

Ein Appell oder wie sag ich’s mit einfachen Worten

Obwohl mir politisieren nicht liegt, will ich heute Partei ergreifen. Mag mir die Fähigkeit zu polemischem «Geschnorre» auch völlig abgehen und ich inzwischen viel zu oft auf Göschenen-Airolo stelle (unterdessen Erstfeld-Biasca), wenn sich Politgrössen auf Bühnen profilieren, die einfache Arbeiter für sie errichtet haben, mag es mir an schlagkräftigen Argumenten fehlen, die meine Ansicht ins rechte Licht rücken, so werde ich heute dennoch Partei ergreifen. Einfach, weil es sonst niemand tut.

Einzig und alleine für meinen Beruf. Einer der keine Lobby hat. Einer dem Stillschweigen, Geduld und Bescheidenheit in vollem Umfang aufgebürdet wurde. Einer, der von der Gesellschaft immer noch und immer wieder in eine Schublade gesteckt wird, die längst marode auseinander zu fallen droht. Auf Handlanger der Männer in Weiss, Blutsauger und Popowischer werden wir gerne reduziert. Weshalb sich dieses Bild hartnäckig in den Köpfen der Bevölkerung hält, bleibt mir ein Rätsel.

Wenngleich ich eine dreijährige Ausbildung, ich mir Wissen durch Weiterbildung angeeignet und inzwischen 20 Jahre Berufserfahrung habe, gibt es Tage wie heute, an denen ich zweifle, überhaupt jemals in den Genuss von Bildung gekommen zu sein.

Das mag am Telefonat liegen, in dem mir ein Vater erklärt, wie Scheisse ich meine Arbeit mache, weil ich ihm keinen Arzttermin für sein Kind anbieten kann, der sich mit all seinen wichtigen Verpflichtungen wie an Geschäftsaperos teilnehmen, Biken und Gleitschirmfliegen vereinigen lässt. Dass sein krankes es Kind ist, welches ihm eigentlich dabei in die Quere kommt und er seinen Tagesablauf folglich umorganisieren muss, lässt er unausgesprochen im Raum stehen. Allzu gerne erklärt er mir, wie ich meine Arbeit zu erledigen habe, nicht ohne reisserischen Unterton. Die blöde Kuh am anderen Ende der Leitung ist ja «nur» eine Pflegefachfrau. Ohne mich überhaupt zu kennen, disqualifiziert er mich nicht nur als Menschen sondern greift eine Berufsgruppe an, von der er so viel versteht, wie ich vom Fliegenfischen.

Vielleicht mag es auch daran liegen, dass ich nach einer langen, anstrengenden Schicht nach Hause fahre und in den Nachrichten höre, dass – obwohl die Nachfrage für Ausbildungsplätze steige, vermehrt auch ausgebildet werde – es in der Schweiz dennoch an qualifizierten Pflegefachkräften mangle. Mir dabei nur ein gequältes Lachen im Hals stecken bleibt, ich es runterwürge und mir denke: mögen noch so viele Pflegefachkräfte ausgebildet werden; dem Spardruck in Spitälern und Heimen werden auch die neuen Generationen von Fachkräften zum Opfer fallen. Diesem Umstand zu verdanken ist, dass sich immer mehr qualifizierte Pflegefachkräfte davonmachen, um nie mehr in den Beruf zurückzukehren. Diese Lücken werden kurzerhand mit «günstigeren» Fachkräften aus dem Ausland geschlossen. Eine Rechnung die irgendwie nicht aufgehen mag, so oft ich sie auch drehe und wende.

Oder es mag daran liegen, dass zwischenzeitlich ein Teil der Gesellschaft mehr über meinen Beruf und demjenigen des Arztes zu verstehen glaubt, als ich selbst. Weil sich digitale, wenn auch unseriöse Informationen bei übermotivierten Besserwissern eher ins Hirn brennen als die Empfehlung dreidimensionaler Fachpersonen. Zwangsläufig stellt sich mir die Frage, weshalb es uns eigentlich noch braucht und lande unweigerlich wieder beim Bild der Popowischerin. Hier schliesst sich zum ersten Mal ein Kreis.

Oft rufe ich mir einen Moment in Erinnerung, den ich Costa Rica vor ein paar Jahren gesehen habe, als ich an einem Hospital vorbei ging. Es war Nachmittag und vor der Hauptpforte warteten in einer Schlange stehend weit mehr als 50 Personen auf Einlass, um behandelt zu werden. Etliche waren wohl weit angereist um überhaupt eine Behandlung zu bekommen, ich konnte kaum erahnen, wie lange sie schon der subtropischen Hitze dort ausgesetzt waren. Sechs Stunden später ging ich – längst war es dunkel – denselben Weg zurück und sah sie immer noch dort stehen, geduldig ausharrend. Und plötzlich schäme ich mich: für meine Generation, für die Menschen in der Zeit und den Ort, in den ich hineingeboren wurde. Dort, wo alles machbar ist, sich niemand grämen muss, wie er zum nächsten Hospital gelangt. Wo es alles gibt und noch viel mehr. Ich schäme mich für den besserwisserischen Vater, dem Hobbies wichtiger sind, als sein krankes Kind, ich schäme mich für die überterminierten Dauerstänkerer, die sich bereits nach 15 Minuten über ihre elend lange Wartezeit beklagen, ich schäme mich für die Erwartungen gewisser Politiker und gewisser Verbraucher an unser Gesundheitswesen. Die Erwartungen, die unbeschreibliche Ausmasse annehmen und dabei immer mehr Geld verschlingen. Würde man sie mal ein bisschen herunterschrauben, wären wir immer noch Lichtjahre von dem entfernt, was ich in Costa Rica gesehen habe, dennoch ein bisschen näher dran. Näher dran am Menschen. Zu guter Letzt schäme ich mich für die inexistente Verantwortung der Gesellschaft dem Thema Krankheit und Gesundheit gegenüber. Ein Thema, so scheint es mir, das jede und jeden betrifft, zumindest jene, die ihren Körper lieben und ihm Gutes tun wollen. Diese Verantwortung wird allzu gerne ausgelagert, delegiert, verkommt gar zum Abbauprodukt.

Immer wieder klingen die Aussagen meiner Kolleginnen in mir nach: «du musst wegstecken können, einfach weitermachen, nichts persönlich nehmen.» Sie fürchten Sanktionen. Man bleibt lieber still. Des Friedens Willen. Für mich hört hier und heute das Wegstecken auf. Es mag unprofessionell wirken, dennoch ergreife ich Partei, weil ich sagen will: wir Pflegefachfrauen sind Menschen mit Gefühlen, keine Roboter.

Wir sind nicht dazu da, den Frust aufzufangen, der sich in Ihrem Leben aufgebaut und angestaut hat, der in der Regel durch eigene Unzufriedenheit entsteht und nicht durch Dritte verursacht wird.
Wir sind nicht dazu da, Ihnen die Verantwortung für sich, ihr Kind oder ihre Krankheit abzunehmen. Über Ihre Gesundheit entscheiden Sie immer noch selbst.
Wir sind nicht dazu da, Ihnen zu bestätigen, was sie gerne hören möchten. Es steht in keiner Stellenbeschreibung, dass wir uns dazu verpflichten, den Patienten anzulügen.
Wir sind nicht dazu da, uns  – weder verbal noch physisch – treten zu lassen, weil Sie sich dafür berechtigt halten. Es existiert keine Sonderklausel, die Sie dazu befugt.

Aber,
wir sind dazu da, Ihnen Wissen zu vermitteln, Sie theoretisch und praktisch anzuleiten, Sie in schweren Lebensmomenten zu begleiten und Ihnen helfend beiseite zu stehen, damit sie von uns Gelerntes in die Tat umsetzen können. Damit Hilfe zur Selbsthilfe nicht nur eine Floskel bleibt.
Wir sind dazu da, Ihnen zuzuhören, Ihre Sorgen auch ein bisschen zu teilen, wenn Sie nicht mehr weiter wissen oder können.
Wir sind dazu da, durch Informationen aus erster Hand Ihre Ängste abzubauen, im besten Falle ganz auszuräumen.
Wir sind dazu da, Ihr Recht bei anderen Berufsgruppen zu vertreten, Ihnen eine Stimme zu geben, dann, wenn Ihnen schlichtweg die Worte fehlen.
Und ja, wir sind auch dazu da, Ihnen Blut abzunehmen, den Katheter zu wechseln oder den Po und Erbrochenes abzuwischen, Sie zu waschen, Sie an- und auszukleiden, Ihnen das Essen einzugeben, daraufhin die Zähne zu putzen und die Haare zu kämmen, sollten Sie selbst dazu noch nicht oder nicht mehr in der Lage sein.
Aber nicht nur.

Vielleicht stehen Sie in der kommenden Wintersaison wieder mal für geschlagene 45 Minuten an einem Skilift an, nur um einer Abfahrt durch den Pulverschnee willen. Dann denken Sie bitte daran, diese Geduld auch beim nächsten Arztbesuch aufzubringen. Vielleicht ist vor Ihnen jemand an der Reihe, der ein wenig länger benötigt, um in den Sessel zu steigen oder dessen Skier sich verheddert haben. Vielleicht ist vor Ihnen jemand an der Reihe, der noch lernen muss, mit dem umzugehen, was ihm mitgeteilt wurde. Um es zu verdeutlichen: vielleicht ist jemand vor Ihnen an der Reihe, dem es noch ein bisschen beschissener geht als Ihnen selbst.
Sollten Sie die Zeit nicht aufbringen und stattdessen eine x-beliebige Pflegefachperson auf dem Flur beschimpfen wollen, nur um Ihren Frust loszuwerden: gehen Sie nach Hause, üben Sie sich in costaricanischer Geduld, üben Sie sich im menschlich sein, schlagen Sie bei Google nach oder wählen sie 11880. Da werden Sie geholfen.

Im Vertrauen

Manchmal frage ich mich, wann die Menschen unserer Gesellschaft damit aufgehört haben, anderen Menschen zu vertrauen, auf das Können einer anderen Person zu setzen, gegebenenfalls von diesem Können zu lernen, anstatt dieses ständig in Frage zu stellen? Wann wurde die Parole «Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser» zu unserem Lebenscredo? Wann haben wir uns dafür entschieden, uns mehr oder weniger alleine durchs Leben zu kämpfen oder lieber Google zu fragen, als eine Person, die das Wissen erlernt, Erfahrung gesammelt und Kompetenzen entwickelt hat? Wann haben wir verlernt, in unserer überterminierten und gänzlich durchstrukturierten Welt, im Gegenüber die Stärken zu erkennen und ihnen zu vertrauen?

Gewiss, Vertrauen kann missbraucht werden und zweifelsohne: zu vertrauen heisst, Schwäche zu zeigen, bedeutet Kontrollverlust. Bedeutet auch, über seinen eigenen Schatten springen zu müssen. Doch ist ein Kontrollverlust, das Zulassen von Schwäche, der Ausbruch aus vorgestanzten Strukturen nicht auch ein Gewinn?

In dieser Woche hat sich mir wieder einmal mehr gezeigt, dass es sich lohnt, jemand anderem zu vertrauen, im Wissen, dass diese Person die Dinge allemal schneller erledigt, als dass ich Handbücher darüber im Internet herunterladen, geschweige erst recht lesen kann. Im Wissen, egal wie lange es dauert, es irgendwie gut kommt, dass ich mich auf diese Person verlassen und auf diejenigen Dinge konzentrieren kann, die wiederum mich auszeichnen, um damit – wer weiss – das Vertrauen von jemand anderem zu gewinnen.

In unserer gut geschmierten Lebensmaschinerie ist Vertrauen nur ein kleiner Zahn, der in einen anderen Zahn greift, um das Rad in Gang zu halten. Vielleicht sollten wir wieder vermehrt versuchen, gerade eben diesem Zahn das Vertrauen entgegen zu bringen, dass er Sinn macht.

Für mich gilt es, der Parole eine neue Bedeutung zukommen zu lassen, indem ich sie umformuliere: «Kontrolle ist gut, Vertrauen haben, ist lebenswerter.»