Der Stein der Erkenntnis

Drei Sätze. Ein Moment. Eine Geschichte.

[…Lene warf unentwegt Steine ins Wasser und starrte auf die Oberfläche.
Erst bei längerem Hinsehen erkannte sie, dass selbst dann, wenn der Stein aus ihrem Blickfeld verschwunden war, er schon längst auf den Grund des Sees gesunken sein musste, sich seinetwegen auf der Wasseroberfläche immer noch Kreise abzeichneten und wellenförmig ausbreiteten.
Nichts konnte die Bewegung aufhalten und Lene begriff, was alles möglich war…]

(aus «Hundstage»von Katja Hrup, unveröffentlicht)

Weitere 3SatzGeschichten können Sie sich hier zu Gemüte führen.

 

Schritt für Schritt

Heute vor genau 43 Tagen und sechs Stunden hat das Froilein wieder einmal mehr bewiesen, dass geradeaus gehen wirklich schwierig ist, wenn man über zwei linke Füsse verfügt. Der Sturz über das Treppchen – das nicht mal für ein sechzehn Monate altes Kleinkind eine Blockade gewesen wäre, dem Froilein jedoch wie ein unüberbrückbares Hindernis erschien – und der anschliessende Fall in die wunderschön gestaltete Blumenrabatte des Gasthausbesitzers, kosteten das Froilein die uneingeschränkte Gehfähigkeit, die Freiheit im selbstbestimmten Tempo dorthin zu gehen, wohin es will und natürlich das Aussenband des oberen Sprunggelenks. Von Knall auf Fall (im wahrsten Sinne des Wortes) war es aus mit davonpreschen, irgendwohin eilen. Es war vorüber mit auf der Jagd oder auf der Flucht sein. Stillstand hielt Einzug und richtete sich häuslich ein.

Es steht. Es steht still. Sein Wille gebrochen, setzt es nun ganz langsam wieder einen Fuss vor den anderen. Schritt für Schritt. Lernt gehen, fest und sicher. Lernt inne zu halten, seinen Weg zu hinterfragen, seine Umgebung zu betrachten, als hätte das Froilein sie noch nie zuvor gesehen. Selbst wenn es fällt, weiss es: es kann aufstehen. Immer und immer wieder. Und sollte es von Nöten sein, so macht es zwei Schritte zurück, vielleicht auch mehr, einzig und alleine um den Weg einzuschlagen, der ihm gut tut, auf dem es sich wohl fühlt. Der auch noch nicht ausgetreten sein muss, der durch Neuland führen darf.

Das Froilein erspart hier der geschätzten Leserschaft einen Jahresrückblick oder eine Voraussage für’s 2018. Doch sowohl das Froilein als auch die Autorin (die bekanntermassen bekannt miteinander sind, man beachte diesen Blogbeitrag) machen sich Gedanken zum Jahresausklang.

Wir wünschen an dieser Stelle:
mögen Ihre Schritte mit Bedacht gewählt sein; mögen Sie sich den Herausforderungen die da kommen werden, stellen; mögen Sie im neuen Jahr immer wieder inne halten und schauen, ob sie noch auf dem Weg sind, den Sie sich für sich selbst gewünscht haben; mögen sie auch mal fallen und dabei lächeln; mögen Sie nicht hetzen und davonrennen, schon gar nicht vor sich selbst.

Leben heisst lernen. Immer und immer wieder. Schritt für Schritt.

Die Annäherung und ihre Folgen

Von zwei Dingen hab ich mich in meinem Text-Schaffen bis dato ganz bewusst ferngehalten. Ich schreibe nicht ab und ich verfasse keine Dialekttexte. Ersteres, weil Plagiat einfach voll nicht okay ist und Zweiteres, dafür muss ich ausholen. Befinde ich mich in einer Runde mit Leuten, die ich nicht gut oder noch gar nicht kenne, halte ich mich mit Reden zurück. Nicht weil ich nichts zu sagen weiss, jedoch weil Sätze wie «Populantä vo transparänte Domizil settid kei transzendänti Bewegigä mit feschter Materiä duräfiährä» oder «ich ha s’Aito hinderem Baim parkiärd» garantiert für Belustigung sorgen. Selbst die Aussage «ich glaibä, im Näbäzimmer isch ä Bombä platziärd und diä gahd i drii Minuitä id Luft und miär wärdid alli stärbä» wird in der Regel mit einem «Jööööh, so herzig» quittiert.
Unweigerlich werde ich bei diesen «Jöööh’s» zurück katapultiert. Ins Jahr 1979. Leute, meines Wissens befinde ich mich gerade in der sabberlatzlosen Dekade. Genug früh werde ich wieder einen brauchen. Also bitte: dezente «Jööh’s», wenns denn »Jöööh» sein muss.

Heute werfe ich meine Vorsätze über den Haufen.
Ich klaue zwar keinen Text aber Gabriel Vetters Format «Kennsch?». Da Herr Vetter bisweilen im Norden weilt und ich mir sicher bin, dass er mit meiner Vetternwirtschaft (hoi, Gabriel, scho rächt, gäll?) irgendwie einverstanden wäre, alleine deshalb, weil ich für ihn Werbung mache und er eh herfliegen müsste, um mir persönlich die Kappe zu waschen, was wiederum mit Kosten und Umweltverschmutzung verbunden wäre, die selbst ein bekannter Autor wie Vetter scheut.
Und weil «Kennsch?» einfach besser in Dialekt funktioniert – es heisst ja «Kennsch?» und nicht etwa «sag mal, kennst du das auch?»– heute die Premiere auf Textzentrale. Wer sich der Herausforderung annimmt, wird belohnt.

Der Alte und der Neue «Kennsch?»

He, kennsch das ai? Wenn dui am Morgä nu ordäli sturm uisem Huis uisä gasch, d’ Haar deräwäg verstrubbled, als wär ä Gabelstaapler druber gfahrä und dui mit guätem Gwissä bi dr Arbet chaisch sägä, momol äs sigi äxtra so gfrisiärd, s’Gsicht nu i Faltä gleid und dui am Nachbuir, wo siiferli amnä Chrummä ziähd, zuäriäfsch: «Hallo Nachbuir!» und s’Gfihl hesch: D’Wält isch im Lot.

Und de chuisch am Aabä hei vom Biglä, s’Gsicht immer nu gliich verwurschtlet und d’Haar ai nid besser und di Nachbuir, dä vom Morgä, wo viärzg Jahr buired, d’Bänzä ghirted, d’Chiä gstalled und im Summer gfiihlti fiifzäh mal gillned hed, wenn äbä dä Buir, wo dui gmeint hesch, dui kennsch nä, pletzlich uif ei Chlapf sis Huis, dr Stall und s’Land verchaift hed, nämlich denn, währendem dui am Chrampfä gsi bisch und dui nä de grad nu mitem Eitakter gsehsch am Sunnäuntergang entgägä charrä, im gliichä Aigäblick ä Porsche Cayenne umä Eggä gschliidered chund – ä Farb wiänä verpflätteretä und vertrechnetä Chuäfladä, eifach in métallisé – und dui gmerksch, dass dr Niiwi gar kei Buir isch. Nei, dr niiw Bsitzer vo Hof und Stall isch kei Buir oder Architekt, ai kei Feriägascht uisem Diitschä sondern ä Muisiker wommä sett kennä, sozsägä ä Schtar, eppis zwischä A und B Prominänz, einä vo denä, wo nid cha mitämä Porsche Cayenne umäfahrä, will d’Bärgä hiä halt doch äs bitzli hecher sind als dr Iätlibärg s’Ziri ussä. Und dui dänksch so diä ganz Ziit, riibsch dr Stirn, weisch so wiä dr Wicki vo Wicki und die starken Männer, wenner sini Nasä chitzled, drmit ihm ä Idee is Hirn schiässt, dui machsch das eifach mit dinerä Stirn bis si ordäli rot isch und uberleisch: wenn dä Nachbuir kei Buir isch, wiä selli dem de am Morgä Hallo sägä? Kennsch das ai?

Für diejenigen, die dann doch überfordert oder zu faul sind – semimodern – den Text vertont. Die Autorin erspart den Lesern das Bild dazu.

Der kleine Blick aufs Glück

Neulich in der Mensa:

Letztens sass ich leicht betrübt beim Mittagessen. Zu voll, zu laut, zu hektisch, zu alles störte meine Sinne. Just im Moment, als ich mir überlegte, ob ich die Mahlzeit als geniessbar durchgehen lassen oder ihr doch lieber die Note «ungenügend» aufbürden sollte, schob sich vom rechten Tellerrand ein Schneckenhaus in mein Blickfeld. Mittelgross, mit schwarz-weissen Rillen und ohne irgendwelche sichtbaren Beschädigungen lag es auf einem roten Peperonistück, als hätte es sich darauf gerettet. DER wahr gewordene Albtraum eines jeden Veganers. Von dieser Tatsache fasziniert, vergass ich alles um mich herum, schob gedankenverloren mit der Messerspitze das Schneckenhaus mitsamt seinem Rettungsboot durch die Sauce, tunkte es darin ein, einzig und alleine um zu sehen, ob es absoff oder oben aufschwimmen würde. Ich schob es hin und her. Von rechts nach links. Wieder zurück. Drapierte es derweil am Tellerrand, richtete es neben den Nudeln her, als würde ich die korrekte Position für ein Stillleben zu finden versuchen. Sozusagen den goldenen Schnitt festlegen wollen. Restlos erstaunt darüber, dass das Häuschen einen Kochvorgang als Ganzes überlebt hatte, war ich – während sich die anderen am Tisch über Ungeziefer im Essen echauffierten – im Begriff ein Loblied auf die Überlebenskunst gewisser Individuen anzustimmen, wollte euphorisch diesen triumphalen Sieg der Fauna feiern. Dann jedoch sah ich, dass die Schnecke ausgezogen war. Niemand wusste wohin. Ich hob den Teller an, um zu sehen, ob sich darunter ein nacktes Etwas beim Fluchtversuch festgeklebt hatte und nur darauf wartete in einem unbeobachteten Moment sein Heim zurückzuerobern. Ich kontrollierte auch die leergeputzten Teller meiner Nachbarinnen. Ohne Erfolg. Weshalb zum Teufel, fragte ich mich, hatte eine kleine Schnecke solch einen trostlosen Abgang verdient? Kläglich zu verenden? In einer Kantinenmahlzeit? Ohne Aussicht auf Wiedergeburt? Ich fühlte mich noch elender als zu Anfang der Mahlzeit.

Hin und wieder werde ich belächelt. Für solche Gedankengänge. Für das ausschweifende Abschweifen in ungeahnte Tiefen. Mir ist das egal. Für etwas sollte das Ding namens Denkorgan genutzt werden. Der Mensch, ja der ist dazu befähigt, seine Gedanken spiralförmig in immer weitere Dimensionen vordringen zu lassen, daraus die herrlichsten Geschichten zu spinnen. Es mag viele Gründe geben, weshalb er sich davor fürchtet, es gar tunlichst unterlässt, sich nur ungern auf das Verheddern von Gedanken einlässt. Sie hier aufzuzählen, würde den Rahmen indes sprengen.

Wir sehen den Wald, wenn es hoch kommt noch einen Baum. Doch wer sieht den Trieb der jungen Rotbuche, der durch das modrige Laub vom Vorjahr bricht und sich gegen den Himmel reckt?
Wir sehen den Regen, meist zu viel davon, übersehen jedoch den Regentropfen, der sich über die Fensterscheibe zieht, dabei ein Muster hinterlässt, bevor er sich mit einem anderen Regentropfen vereinigt und zum Rinnsal wird.
Wir nehmen die vielen «Dieda’s» wahr, sehen aber nicht, wie Youssef in der Küche des Grandhotels an der Spüle steht, ein Lied pfeift und dazu mit den Hüften wippt, während er stundenlang dreckiges Geschirr entgegen nimmt.

Tag für Tag arbeiten wir auf die grossen Momente des Lebens hin und übersehen dabei oftmals die kleinen Dinge. Sie sind es, die uns ein Lächeln ins Gesicht zaubern, die unsere Synapsen tanzen lassen, Endorphine ausschütten. Es sind die kleinen Dinge, welche «grosse» Geschichten schreiben. Wer den Mut aufbringt, seine Linse auf Zoom zu stellen, wird sich vielleicht ab und zu erschrecken, sich öfter wundern. Schlussendlich nennt sich das aufkommende Gefühl dabei dann ganz einfach: «glücklich sein.»

Der Überrest

Ich kremple
nach aussen
mein Innerstes
es zaghaft
wieder überstülpend
wie ein neu
erworbenes Kleid
zieh zurecht
was zurecht zu ziehen gilt
stets versucht
es sorgsam zu behandeln.

Der Alltag tut
sein übriges
nutzt ab
nutzt aus
bis irgendwann
nicht aufzuhalten
das Ende naht
entbehrlich bleibt
allein
der letzte Fetzen
Seele.

Typologie der Begegnungen

Leben besteht aus Begegnung. So ganz ohne geht es nicht. Selbst der einsame Jäger, der in der Abgeschiedenheit der Wildnis seine Ruhe und den sprichwörtlichen Frieden zu finden versucht, ist vor Begegnung nicht gefeit. Auch wenn sich ihm nur sein eigenes Spiegelbild dazu anbietet.

Da trifft man also auf Dinge wie die Natur, die darin vorkommenden Tiere und allem voran andere Menschen. Dass gerade der Mensch in seiner DNA-Struktur ohne Zweifel über andere Spezies erhaben ist, zeigt sich unter anderem in der Typologie der Begegnungen:

Die Humorvolle

«Das Essen heute sieht mal wieder nach Notfallaufnahme aus, was meinen Sie?»
Gedachte Antwort: «Oh Gott, wie recht sie doch haben. Mein Magen dreht sich nur schon beim Anblick um.»
Vorbildliche Antwort: «Wir treffen uns dort. Sagen wir in 30 Minuten? Reservieren Sie schon mal ne Liege für mich mit.»

Die Kitschige

«Glaub mir, wir sind wie zwei suchende Kometen im Universum, die endlich zueinander gefunden haben.»
Gedachte Antwort: «Was geht ab? Hast du was geraucht?»
Vorbildliche Antwort: «Oh ja, Liebling. Und jedes Mal wenn wir uns berühren, erzeugen wir Sternschnuppen und erhellen die Nacht.»

Die Fragwürdige

«Entschuldigen Sie! Ich verstehe nicht, weshalb ich mein Kind mit zur ärztlichen Kontrolle bringen muss.»
Gedachte Antwort: «Entschuldigen Sie, aber lassen Sie ihr Auto für den jährlichen Service beim Garagisten auch zu Hause?»
Vorbildliche Antwort: «Werte Frau, der Kinderarzt muss Ihre Tochter untersuchen, damit er eine Diagnose stellen kann.»

Die Surreale

«Welche von den blauen Tellern hätten Sie denn gerne. Azur oder Marine?»
Gedachte Antwort: «nett, dass sie nachfragen, Sie Klugscheisser!»
Vorbildliche Antwort: «Scheiss auf blau, ich nehm dann doch lieber die Grünen. Die Moosgrünen.»

Die Unglückliche

«Ich wollte, wir wären uns früher begegnet.»
Gedachte Antwort: «Ach, wie sehr ich mir das auch wünschte. Geh nicht. Noch nicht. Bleib einfach noch eine kleine Weile.»
Vorbildliche Antwort: «Geniessen wir das Jetzt. Diesen Augenblick.»

Die Unausweichliche

«Ich muss Ihnen leider mitteilen, dass Ihr Zahn nicht mehr zu retten ist.»
Gedachte Antwort: «Na, dann mach den Müll endlich raus, du Fressenklempner. Jetzt, jetzt, jetzt! Ich ertrage diese Höllenschmerzen nicht mehr!»
Vorbildliche Antwort: «Grggglggggl!»

Hier könnten etliche weitere Beispiele stehen. Unerschöpflich das Mass an Möglichkeiten. Fakt ist jedoch: Was aus einer Begegnung entsteht, hat jeder selbst in der Hand. Mit einer unerwarteten Äusserung kann eine Begegnung eine völlig andere Wendung nehmen, als man es erwartet oder sich erhofft hat. Doch erst dadurch bleibt das Leben in Bewegung, bleibt es spannend.

Des Froileins liebste Begegnungen sind die Unerwarteten. Diejenigen, die in sein Leben platzen, ohne gefragt zu haben. Diejenigen, die überraschend erfrischend sind, die es zum Nachdenken, zum Lachen und zum Weinen bringen. Diejenigen, bei denen sich das Froilein beim Gedanken ertappt: «wo zum Teufel hast du so lange gesteckt?» Es sind auch die Begegnungen, die das Froilein nur ungerne wieder loslässt, gerade weil sie bereichernd und inspirierend sind.
Doch auch das gehört zu einer Begegnung. Egal, wie lange sie dauert, sie ist vergänglich. Zurück bleiben Erinnerungsstücke, die den Weg für weitere Begegnungen ebnen.