Durchwacht

Verfangen in den Ästen einer Birke
kokettierst du
mit der Dunkelheit
wirfst lange Schatten in die Nacht
vergeblich versuche ich
dich zu befreien

Doch sachte löst du dich
Ganz selbst aus der Umarmung
Auch diese Nacht, wie die zuvor und die, die folgt
Entschwindest aus den Augenwinkeln
Schleichst dich davon
Kein Berg bleibt ungeküsst

mein Flehen überhörend
lasse ich dich ziehen
denn wenn der Schlaf mich endlich einhüllt
wie eine Decke
weich und warm
träume ich von dir und einem Wiederseh’n

Im Vertrauen

Manchmal frage ich mich, wann die Menschen unserer Gesellschaft damit aufgehört haben, anderen Menschen zu vertrauen, auf das Können einer anderen Person zu setzen, gegebenenfalls von diesem Können zu lernen, anstatt dieses ständig in Frage zu stellen? Wann wurde die Parole «Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser» zu unserem Lebenscredo? Wann haben wir uns dafür entschieden, uns mehr oder weniger alleine durchs Leben zu kämpfen oder lieber Google zu fragen, als eine Person, die das Wissen erlernt, Erfahrung gesammelt und Kompetenzen entwickelt hat? Wann haben wir verlernt, in unserer überterminierten und gänzlich durchstrukturierten Welt, im Gegenüber die Stärken zu erkennen und ihnen zu vertrauen?

Gewiss, Vertrauen kann missbraucht werden und zweifelsohne: zu vertrauen heisst, Schwäche zu zeigen, bedeutet Kontrollverlust. Bedeutet auch, über seinen eigenen Schatten springen zu müssen. Doch ist ein Kontrollverlust, das Zulassen von Schwäche, der Ausbruch aus vorgestanzten Strukturen nicht auch ein Gewinn?

In dieser Woche hat sich mir wieder einmal mehr gezeigt, dass es sich lohnt, jemand anderem zu vertrauen, im Wissen, dass diese Person die Dinge allemal schneller erledigt, als dass ich Handbücher darüber im Internet herunterladen, geschweige erst recht lesen kann. Im Wissen, egal wie lange es dauert, es irgendwie gut kommt, dass ich mich auf diese Person verlassen und auf diejenigen Dinge konzentrieren kann, die wiederum mich auszeichnen, um damit – wer weiss – das Vertrauen von jemand anderem zu gewinnen.

In unserer gut geschmierten Lebensmaschinerie ist Vertrauen nur ein kleiner Zahn, der in einen anderen Zahn greift, um das Rad in Gang zu halten. Vielleicht sollten wir wieder vermehrt versuchen, gerade eben diesem Zahn das Vertrauen entgegen zu bringen, dass er Sinn macht.

Für mich gilt es, der Parole eine neue Bedeutung zukommen zu lassen, indem ich sie umformuliere: «Kontrolle ist gut, Vertrauen haben, ist lebenswerter.»

Wenn Fussball endlich Sinn macht

Ich gestehe, ich verstehe von Fussball so viel wie ein Frosch vom Fliegen oder wie «Puma» von der Trikotherstellung. Käme es zu einer Zerreissprobe, ich würde ebenso wie die Hightech-Textilfasern der viel zu engen Hemdchen der Schweizer Nati versagen.

Bei einer Schwalbe denke ich an einen Vogel, der noch längst keinen Sommer macht. «Tschackaaa!» verbinde ich mit einem Freudeschrei und garantiert nicht mit einem Namen. Der Ecke eine Standardsituation abzugewinnen, wage ich als miserable Erziehungsmethode zu bezeichnen und bei Packing verstehe ich Post. Stellte man mich auf den Platz, wäre ich innert kürzester Frist stolze Besitzerin einer roten Karte. An Regeln halte ich mich nicht gerne – sollte ich sie denn überhaupt kennen.

Unlängst habe ich mich gefragt, weshalb ich mich bei der Fussball-EM dann doch dazu hinreissen lasse, den Sportkanal zu wählen? Weshalb ich dabei zusehen muss, wie Männer über den Platz rennen, sich ineinander verhaken wie zwei «Lismernadeln» bei der Linksmasche? Wie sie sich hingebungsvoll auf dem Rasen ausrollen, als wären sie der Rasen selbst? Und noch schlimmer: Weshalb ich dies auch noch kommentieren muss, so, als würde ich tatsächlich etwas von Fussball verstehen?

Vielleicht liegt es daran, dass ich zwischenzeitlich in diesen Meisterschaftsanlässen einen Hauch von Sinn erkenne. So glaube ich, dass die Mannen auf dem Platz vielmehr Repräsentanten ihrer Nationen als Sportler, dass sie zu ausserordentlich gut bezahlten Statisten verkommen sind. Wie kleine Marionetten, deren Fäden ein unsichtbarer Dritter in der Hand hält. An solchen Anlässen geht es wohl nicht mehr nur um das Spiel an sich, sondern eher um das Drumherum. Um Politik. Gewinn. Um Macht. Dies müssen die einzig wahren Gründe sein. Nur so lässt sich bei mir ein «Grümpelturnier» solch exorbitanten Ausmasses rechtfertigen. In der Tat, ich halte mich vor dem Fernseher auf, um die Spielstrategie der einzelnen Nationen in den politischen Kontext zu setzen. Kann glauben wer will, deshalb:

  • Schweiz: Ewig defensiv, gibt sich immer wieder mit dem gut schweizerischen Kompromiss des Unentschiedens zufrieden. Grenzen werden schön abgesteckt. Man will ein bisschen mitspielen aber doch nicht ganz. Sicherheit geht vor. Das hart erarbeitete Ansehen soll schliesslich nicht leiden. Auch so kann man irgendwie weiter kommen.
  • Russland: Scheint gerne zu markieren. Die Fangemeinde verdrischt neben dem Platz auch mal andere Menschen, ist ja nichts dabei, randaliert bis zur Inhaftierung. Sie riskiert eher einen Ausschluss ihres Teams aus dem Turnier als sich mit Interesse daran zu beteiligen. Revolte hält bei Laune. «No risk, no fun» die Devise.
  • England: Die Mehrheit hat sich dazu entschlossen die EU-Politbühne frühzeitig zu verlassen. Gegebenenfalls könnte dies Auswirkungen auf die nächsten Spiele der englischen Nationalmannschaft haben. Gut möglich, dass nur 48.1 % der Spieler anwesend sein wird, weil sich die andere Hälfte schon auf dem Nachhauseweg befindet. Ob sich mit dieser Einstellung überhaupt noch Gewinne erzielen lassen, ist fragwürdig.
  • Irland: die ewigen Underdogs. Sind sich gewohnt zu verlieren. Keiner besingt die eigene Niederlage schöner als die Iren. Das Land gebeutelt vom ewigen Auf und Ab, geben die Iren den Glauben an den Schatz am Ende des Regenbogens nicht auf. Des Austritts Grossbritanniens aus der EU wegen, wird sich früher oder später im Norden des Landes wieder eine Grenze durch die Landschaft und die Köpfe der Bewohner ziehen. Die Hoffnung bleibt bestehen, dass sie zumindest ein Lied darüber komponieren werden.
  • Island: Ja, da existiert tatsächlich noch ein Land am äussersten Zipfel Europas. Wer diese Tatsache bereits vergessen haben sollte, wird nun eines Besseren belehrt. Beinahe unauffällig rücken sie sich wieder ins Licht der Öffentlichkeit und beweisen Ausdauer. In der Stille liegt der Wille (oder vielleicht liegt es an den unwirklichen Namen der Spieler).
  • Frankreich: die Gastgeber. Bis anhin nicht gross aufgefallen. Intern scheinen noch viel zu viele Fragen offen. Zu frische Narben, zu viele Verletzungen lassen keine richtige Euphorie aufkommen. Gelähmt scheint das Volk und seine Spieler. «Liberté, égalité et fraternité» bedeutungsschwere Worte. Eine Bürde, die es zu tragen gilt.

Nun, von mir aus können sie so lange sie wollen weiter rennen, die Spieler dort auf dem grünen Rasen, eigens für sie ausgerollt, weit weg vom Weltgeschehen und trotzdem irgendwie ganz nah dran. Und wenn es heisst: «Tooooooooor!!!!!! 1:0 für…» dann interessiert es mich nicht, ob die Sieben ein Ronaldo ist oder sonstwer, sondern ob die Nummer 7, die gerade ein Tor erzielt hat, fähig ist, in einem Team zu spielen, den Erfolg nicht nur für sich selbst einzustecken. Fairplay eben. Wer das kann, hat sowieso gewonnen.

PS: in mein Herz hat sich die Fangemeinschaft der Iren gespielt. Die wirklichen Champions der EM 2016. Hoffen wir, dass es so bleibt.

Diesen Text gibt es auch nachzulesen unter dem EM-Blog des Willisauer Bote, der einst für eine Praktikumszeit so etwas wie mein Zuhause war.

Weshalb Melancholie keine Krankheit ist und man sich trotzdem damit anstecken sollte

«Melancholie ist die schöne Schwester der Trauer.»
Ein Zitat, das mir gefällt. Nachklingt. Könnte ich dieses Zitat heiraten, ich würde es tun.

Häufig wird meinen Texten nachgesagt, sie würden traurig stimmen, unglücklich machen. Jüngst am «café litteraire» beim Besprechen meines neusten Textes war sogar von der «Katja-Schwere» die Rede. Früher hätte mich solch eine Aussage betrübt. Mit Worten zur Last zu fallen – undenkbar und verwerflich. Heute erfüllt mich diese Be- oder Verurteilung zwar nicht mit Stolz, zeichnet mich dennoch aus. Meine Texte sind ich. Und ich bin sie. Frei von aufgesetzten Attitüden. Authentisch. Und ja: auch ab und an voll süssem Schwermut. Daran kann und will ich nichts ändern.

Manch einer mag meine Melancholie als depressive Stimmung und mich als Melancholikerin als Irre abtun. Vor allem den schönwetterlächelnden Dauer-Optimisten bin ich ein Dorn im Auge. Wahrlich sollte die Melancholie zu keinem Dauerzustand verkommen, auszuhalten damit kaum ein Leben. Aber sie spöttisch als Depression zu betiteln und Melancholiker auf irgendeine suspekte Art und Weise zu behandeln, finde ich niederträchtig. Statt sie therapieren zu wollen, sollte sie primär einfach akzeptiert und als «Wechselwirkung zwischen Licht und Schatten» gesehen werden. Eine schöpferische Kraft.

Ich wage zu behaupten, Melancholie ist eine positive Charaktereigenschaft. Was sollte daran falsch sein, das Augenmerk auf die Oberflächlichkeit unserer Kultur, unserer Struktur, unserer Gesellschaft, die ständig auf der Jagd nach Ruhm, Ehre und Vergnügungen an ihrem Streben scheitert, zu legen? Auf Endlichkeit und Vergänglichkeit hinzuweisen, dann, wenn Menschen dazu geneigt sind, abzuheben und Gott zu spielen?

Woher mein Hang zur Melancholie rührt, ist nicht zu verifizieren. Vielleicht ist er genetisch verankert, vielleicht habe ich in meiner Jugend vorwiegend die «falschen» Autoren immer und immer wieder gelesen, die mich dahingehend beeinflusst haben. Vielleicht liegt es einfach an meinem ursprünglich erlernten Beruf, derjenige der Pflegefachfrau, in dem ich frühzeitig mit dem Anfang und dem Ende eines Lebens konfrontiert wurde, in dem ich erkannte, wie unglaublich komplex das menschliche Wesen ist, es nichtsdestotrotz «nur» aus Molekülen besteht und im Kosmos – realistisch gesehen – nichts mehr als eine Nichtigkeit ist.

Ich glaube, und hier spricht die Stimme der Melancholikerin, ein immerwährender tiefblauer Himmel wird früher oder später ganz einfach langweilen. Es ist erst der aufziehende Wolkenbruch, welcher der Sonne die Sicht nimmt, die Kraft raubt, der Spannung erzeugt. Julius, mein Protagonist aus meiner Diplomarbeit, der in einem Traum fliegen kann beschreibt es wie folgt:

[… Jetzt erst erkennt Julius die Wichtigkeit von Licht und Schatten. Dass diese aufeinander abgestimmt, sich im stetigen Wechsel ergänzen. Dass es ihre Bestimmung ist, dem Dasein Konturen zu geben und ihm Tiefe zu verleihen. Dass ohne die Licht- und Schattenmomente all die Leben dort unten nur eindimensionale Projektionsflächen wären. Auch seins …]

Melancholie ist demnach keine Krankheit. Sich damit auseinanderzusetzen oder gar zu infizieren, scheint noch keinem geschadet zu haben.

Nichts als die Wahrheit

Die wohl am häufigsten gestellte Frage Autorinnen und Autoren gegenüber: «ist der Text autobiographisch?» Die Antwort ist weder Ja noch Nein. Sie ist viel komplexer und Schreibende wollen diese Frage nicht gestellt bekommen. Nicht etwa, weil ihnen die Komplexität ein Gräuel ist, wohl eher, weil man einen Politiker ja auch nicht danach fragt, ob er stets die Wahrheit sagt. Weshalb sollte dann ein Schriftsteller gerade zu dieser Frage Rede und Antwort stehen müssen?
Die Grenze zwischen Wahrheit und Fiktion ist verwaschen. Ist manchmal die Fiktion nicht glaubwürdiger als die Wahrheit selbst? Von wie hoher Wichtigkeit ist es für den Leser, wie viel von meinem «Ich» im Text steckt? Ich sage gleich Null. Die Aufgabe eines Textes besteht darin, Bilder auszulösen, zu unterhalten und im besten Fall zum Nachdenken oder Weiterspinnen der Geschichte zu animieren. Ob der Protagonist nun dabei eine Brille trägt, ständig über seine eigenen Füsse stolpert oder den Hang zum Grübeln hat wie ich, spielt keine Rolle.
Und eines sei jenen gesagt, die stets wissen wollen, ob die Autobiographie des Verfassers mitschwingt: Schreibende sind dazu fähig, von zehn verschiedenen ihnen nicht mal bekannten Personen die besten und schlimmsten Eigenschaften herauszufiltern um daraus eine neue Person zu (er)schaffen. Das ist die Freiheit von Literatur oder eben dichterische Wahrheit. Gut möglich, dass auch Sie morgen vertextet werden.