In den Kleidern meines Bruders

Neulich im Kinderbekleidungsgeschäft

Den Kindergrössen ist das Froilein längst entwachsen. Auch wenn in emotionaler Hinsicht immer noch Entwicklungsbedarf bestehen mag, darf es mit Stolz verkünden: Das Froilein trägt Erwachsenenklamotten. Folglich und weil es keine eigenen Kinder hat, ist es äusserst selten in Kinderbekleidungsgeschäften anzutreffen. Dennoch kam das Froilein erst kürzlich nicht drum herum. Ein neuer Erdenbürger hatte sich angekündigt, ein Willkommensgeschenk wollte gefunden werden. So stand das Froilein also im Laden und wühlte sich verzweifelt durch die kleinste Grösse auf der Suche nach etwas, das weder rosa noch himmelblau schimmerte und wurde trotz Gefluche über Klischees – nicht fündig. Zwei Frauen in seinem Alter kreuzten seinen Weg, betütelten ihre Mädchen, das eine schon im gehfähigen, das andere noch im Maxi-Cosi-Alter, doch beide von Kopf bis Fuss in rosa Tüll gehüllt. Die Nägelchen der winzigen Finger bemalt, posierte die Grössere gekonnt vor dem Spiegel, warf sich ein pinkfarbenes Prinzessinnencape über die Schultern, schickte ihrem Spiegelbild Luftküsse zu und entlockte damit den beiden Frauen einen Seufzer. Die Mutter der kleinen Diva setzte ihr ein silbernes Diadem aus Hartplastik und Glitzersteinen auf den Kopf und rückte die entrückten Locken zurecht. Beherzt krallte sich die andere Frau ein Mini-Diadem und setzte es ihrem Winzling aufs Haupt: „schau nur, wir sind Mütter von Prinzessinnen. Jetzt müssen wir nur noch ihre tapferen Ritter finden.“ Unter Gelächter steuerten sie auf die Kasse zu, nicht ohne sich für die nächste Woche wieder zu verabreden. Und die Übernächste.
Das Froilein schaute lange und ungläubig den vermeintlich intelligent aussehenden Damen nach. Ihm war ob dieser Szene regelrecht speiübel geworden und es hätte gerne gekotzt, auf der Stelle, besann sich dann doch eines Besseren. In Kinderbekleidungsgeschäften zu kotzen, macht sich einfach schlecht im Lebenslauf.

Ich trug sie nach. Die Kleider meines Bruders. Zumindest so lange, wie ich reinpasste. Nicht etwa, weil ich musste, sondern weil es seinerzeit einfach üblich war, anderer Leute Kleidung nachzutragen. Man nannte es Weiterverwertung. Da kam es nicht darauf an, ob die braune Cordhose für ein Mädchen oder einen Knaben bestimmt, ob das Hemd gelb, grün, rosa oder blau war. Klebeflies-Flicken zum Aufbügeln waren hip, denn Risse und Flicken zeugten nicht nur vom Alter des Kleidungsstücks, sondern auch vom Freiheitsdrang und der Abenteuerlust des Vorträgers oder der Vorträgerin.
Ich trug sie nach. Die Kleider meines Bruders, seine Hosen, die schon etlichen Stürmen stand gehalten hatten und ebenso für mich stand halten würden, seinen Pullover in dem ich einen arktischen Winter überlebt hätte, wäre denn einer gekommen. Darin lag nichts Märchenhaftes, aber auch nichts Verwerfliches. Trug ich Kleider nach, wurde mir vermittelt: Sei was du willst, egal, was du trägst. Allein von Bedeutung ist, wer du darunter bist. So lernte ich beim Blick in den Spiegel, mich nicht mit Jungen- oder Mädchenkleidern, nicht mit einer Rolle zu identifizieren, die mir sozusagen auf den Leib geschneidert worden war, sondern sah mich – das Kind.

Ich erschrecke also über den Zustand, dass wahrlich gescheite Frauen, die sich Feministinnen nennen, die sowohl Haushalt als auch Job, Kinder, Hund und Mann unter einen Hut zu bringen versuchen, nicht davor zurückschrecken, ihre Töchter und ihre Söhne in eine normierte, klischeebehaftete Rolle zu stecken, von der sie mit höchster Wahrscheinlichkeit selbst verschont geblieben sind. Welchen Gewinn erhofft man sich daraus? Wollen alle Mädchen wirklich um jeden Preis Prinzessinnen sein? Von ihren Müttern in rosa Tüll gehüllt? Wollen alle Buben stolze Ritter sein und mit einem Schwert das holde Fräulein aus der Burg retten? Was geschieht, wenn der Sohn lieber die Prinzessin sein will, wenn die Tochter sich dazu entschliesst, weder Prinzessin noch Ritter sondern – oh Schreck – nur das einfache Kind von Nebenan zu sein? Lernte uns Erwachsenen die Erfahrung nicht, wie schwer es ist, aus einer Rolle auszusteigen, wenn man zu tief in einer drinsteckt?
Wir, die Kinder von Damals mit den Flicken auf den Knien der ausgebeulten Hosen des Bruders oder der Schwester, verdrängen oft, dass wir nun die Aufgabe inne haben, den Kindern von Heute Werte zu vermitteln, die sie zum Heranreifen benötigen. Sie als Individuen und nicht als Objekte zu behandeln, denen man einfach ein Prinzessinnenkleid überziehen kann, um Prinzessinnen aus ihnen zu machen.
Schenken wir Ihnen doch deshalb lieber das Vertrauen und das Recht, sich selbst aussuchen zu können, wer sie wirklich sind, bevor wir ihnen eine Rolle aufbürden, ehe die ersten Zähne kommen. Schenken wir ihnen die Zuversicht, alles erreichen zu können, wenn sie es versuchen. Schenken wir ihnen die Zeit, herauszufinden, was von Bedeutung ist und schenken wir ihnen vor allem die Liebe, sich selbst zu lieben, als Mensch – frei von allen Rollen.