Die Leichtigkeit im Sein

Gestern sah ich dich auf der Wiese vor meinem Haus sitzen. Keine zwei Meter von mir entfernt. Erhaben über alles, zwischen sturmgeknickten Ähren schimmerte dein Federkleid im Licht der untergehenden Herbstsonne. Es schien beinahe, als hättest du dir ein goldenes Gewand übergeworfen, um mich in diesem Moment von deiner leuchtenden Stille zu überzeugen. Und während ich dich dabei beobachtete, wie du mich aus deinen stecknadlkopfgrossen Augen fixiertest, glaubte ich plötzlich daran, dass Sonne und Mond wahrscheinlich nur um deinetwillen existierten, dass Stürme nur deinetwegen tobten. Als wäre alles auf dich und dein goldenes Federkleid ausgerichtet, dass nur du die Macht besässest, allem Tun Einhalt zu gebieten.

Ich streckte die Hand nach dir aus, wollte deine leuchtende Stille auf mich überfliessen lassen, dich ein einziges mal berühren, wenn auch nur flüchtig. Ich wollte mir für mein letztes Kapitel, das ich irgendwann aufschlagen würde, eine Erinnerung schaffen, irgendwann mal erzählen können, wie sich die Ehrfurcht anfühlte, die du heraufbeschworen hattest. Doch im selben Moment breitetest du deine Schwingen aus. Kurz sah es danach aus, als wärst du bereit mich zu umarmen und dich dafür zu bedanken, dass ich dich erkannt hatte. Ohne zu zögern liessest du dich von einem Windstoss erfassen, der wie für dich geschaffen schien, dich Kreis um Kreis höher trug, ohne dass dir ein einziger Flügelschlag abverlangt wurde. Bis du irgendwann nur noch als winziger Punkt am Himmel auszumachen warst.

Zurück blieb ich voller Demut und erkenne hier und jetzt, dass ich das, was ich suche, schon selber bin. Dass Erinnerungen längst da sind und nur noch auf Entdeckung warten.

gewidmet dem Rotmilan, der tagtäglich seine Kreise über meinem Hausdach zieht.