Nichts als die Wahrheit

Die wohl am häufigsten gestellte Frage Autorinnen und Autoren gegenüber: «ist der Text autobiographisch?» Die Antwort ist weder Ja noch Nein. Sie ist viel komplexer und Schreibende wollen diese Frage nicht gestellt bekommen. Nicht etwa, weil ihnen die Komplexität ein Gräuel ist, wohl eher, weil man einen Politiker ja auch nicht danach fragt, ob er stets die Wahrheit sagt. Weshalb sollte dann ein Schriftsteller gerade zu dieser Frage Rede und Antwort stehen müssen?
Die Grenze zwischen Wahrheit und Fiktion ist verwaschen. Ist manchmal die Fiktion nicht glaubwürdiger als die Wahrheit selbst? Von wie hoher Wichtigkeit ist es für den Leser, wie viel von meinem «Ich» im Text steckt? Ich sage gleich Null. Die Aufgabe eines Textes besteht darin, Bilder auszulösen, zu unterhalten und im besten Fall zum Nachdenken oder Weiterspinnen der Geschichte zu animieren. Ob der Protagonist nun dabei eine Brille trägt, ständig über seine eigenen Füsse stolpert oder den Hang zum Grübeln hat wie ich, spielt keine Rolle.
Und eines sei jenen gesagt, die stets wissen wollen, ob die Autobiographie des Verfassers mitschwingt: Schreibende sind dazu fähig, von zehn verschiedenen ihnen nicht mal bekannten Personen die besten und schlimmsten Eigenschaften herauszufiltern um daraus eine neue Person zu (er)schaffen. Das ist die Freiheit von Literatur oder eben dichterische Wahrheit. Gut möglich, dass auch Sie morgen vertextet werden.