Generation «wisch und weg»

Neulich in einer Gesprächsrunde

Ein Schauspiel in einem Akt:

Person A (entrüstet): «Ohh, m-e-i-n Gott!»
Person B (empörter): «Unglaublich!»
Person A: «Stell dir vor du hast ’ne Autopanne irgendwo im Nirgendwo und dann das? Du könntest n-i-e-m-a-n-d-e-n erreichen.»
Ich (überzeugt): «Ach, kommt jetzt, das kann echt nicht euer Ernst sein, oder? Das Ding sichert keineswegs euer Überleben.»
Person A zu Person B: «Wie kann man so naiv sein und DAS DING zu Hause liegen lassen? Ich würde sterben ohne.»
Person B zu Person A (despektierlich): «Wie recht du doch hast. Voll retro, die Frau.»
Person A zu Person B: «du, was geht da eigentlich so mit Snapchat?»

(Person A erklärt Person B was da so mit Snapchat geht. Abgang meine Person)

Seit ein paar Tagen wird wieder vermehrt über Generation Y gesprochen. Eine europaweite Befragung junger Erwachsener zwischen 18 und 30 Jahren ist nicht unschuldig daran. Man will wissen, wie die Millenials, wie sie auch genannt werden, so ticken.

Unlängst habe ich mich gefragt, ob sich Generation Y der Bedeutung ihres Ypsilons überhaupt bewusst ist. Im Englischen wird das Y als «Why» ausgesprochen. Und dieses «Why» wirft wirklich etliche Fragen auf. Eine von vielen: Warum führt Generation «Why» Beziehungen mit Telefonen?
Da stehe ich in der Menge und schaue mich um, beobachte vorwiegend junge Menschen dabei, wie sie mit einer innigen Sanftheit oder einer zielstrebigen Härte über den Bildschirm ihrer Smartphones streiche(l)n, als berührten sie eine ihnen vertraute Person. Doch anstelle von Gänsehaut oder Erregung öffnet sich eine App. Und was tun sie? Sie geben sich damit zufrieden, lächeln verträumt. Die einzige Erregung zeigt sich auf dem Display. Manchmal knutschen sie ihre Bildschirme ab, schreien und fauchen ihre Telefone auch an und wundern sich darüber, dass sie nicht antworten. Diese degenerierten Smartphonezombies laufen durch die Gegend, die Köpfe immerzu gesenkt, das reale Leben um sich herum vergessend, durch alles hindurchschauend, ständig jemanden anrempelnd (in der Regel mich) und nur auf eines fixiert: Das Ding in ihren Händen. Fehlt Strom in der näheren Umgebung, weisen sie das typisch lechzende und exzessive Verhalten jener seelenlosen Spezies auf: kurzatmig kreischend, heulend, fluchend, sich mit Schweissperlen auf der Stirn nach einem Ladekabel durchfragend. Nimmt man ihnen das Spielzeug weg, vegetieren sie dahin, fühlen sich verraten und verängstigt oder glauben an eine infame Verschwörung. So oder so kaufen sie sich ein Neues, wenn das Alte weg ist oder den Dienst verweigert. China ist schliesslich auch nur noch einen Katzensprung entfernt.

Warum Generation «Why» das tut? Sie kann wohl nicht anders. Die «Digital Natives» werden – provokativ und überspitzt formuliert – mit Handys in den Händchen und voller Akkuleistung aus dem Mutterleib gepresst. Sie wissen eine SMS zu verschicken, bevor sie laufen können, «Whatsapp» oder «Google» ersetzen erste Worte wie Mama oder Papa und der «schnellende Daumen», der das über-den-Bildschirm-Wischen beinahe verunmöglicht, ist wohl nach wie vor die meist gefürchtetste Krankheit dieser Generation (der sich aber operativ korrigieren lässt).

In meinen Augen setzt die Generation «Why» damit ein Zeichen. Ein Zeichen wie schnell und oberflächlich es auf der Welt zu und her geht, dass gerade in unserer Gesellschaft alles seinen Preis hat, aber kaum mehr etwas wert ist. Freundschaften werden digitalisiert gehalten, beliebig gelöscht oder reaktiviert. Wann immer man will. Rechtspopulismus findet in digitalen Medien wieder eine Plattform. Meist in den stupidesten Kommentaren von stupiden Kommentaren auf stupide und fragwürdige Online-Texte. Anteilnahme wird genauso wie Verantwortung entpersonalisiert, lieber noch an eine App delegiert und Empathie, ja Empathie verkommt zum Wort im Nachschlagewerk und verstaubt dort. Die Generation «Why» setzt damit ein Zeichen, dass es schlussendlich möglich geworden ist, sich hinter einem Telefon zu verstecken, das nicht grösser ist als die eigene Brieftasche und dass die Menschen jeglicher Generationen gerade deswegen immer einsamer werden.

So kommt es, dass ich mir für die Generation Y einen neuen Namen ausgedacht habe. Dazu zähle ich nicht nur die Bevölkerungskohorte zwischen 1980 und 1999. Längst hat sich das grassierende Virus ausgedehnt und weitere Generationen infiziert. Eine neue Generation resultiert daraus: «wisch und weg». Denn so flink die Menschen der Generation «wisch und weg» mit ihren Fingern über den Bildschirm wischen, so rasant ihnen die Informationen zufliegen, so schnell haben sie eben jene auch wieder weggewischt, weggedrückt und gelöscht. Von ihren Bildschirmen entfernt, aus ihren Köpfen und aus ihren Herzen. Delete. Sie sorgen sich um kontinuierliche Updates ihrer Telefone und säubern somit ihre Leben, ohne zu ahnen oder vielleicht auch nur ansatzweise zu erkennen, dass der wahre Dreck da draussen immer noch existiert und es nicht genügt, ihn in den digitalen Papierkorb zu stecken. Generation «wisch und weg» hat die Verdrängstrategie schlechthin entwickelt. Und nach sich ziehend Scheinwelten kreiert.

Nichtsdestotrotz hab ich die Hoffnung (noch) nicht aufgegeben. Für den Virus Generation «wisch und weg» einen geeigneten Impfstoff zu finden, fällt nicht in den Aufgabenbereich von Pharmazeuten. Und eine lebenslange Immunisierung bleibt wohl eine Utopie. Doch hier ein Aufruf an alle «wisch und weg»-Menschen: wer mutig sein will, lässt sein Handy mal einfach für eine Weile unangetastet. Für diejenigen, die dieser Schritt schon zu gross ist: manchmal genügt es bereits den Kopf zu heben, dem Gegenüber auf der Strasse einen Blick, ein Lächeln zu schenken, statt auf einen Bildschirm zu starren. Denn dort spielen sie sich ab, die Geschichten des Lebens. In den Gesichtern anderer. Und die sind nach wie vor dreidimensional.

P.S: Sollte dennoch Hopfen und Malz verloren sein: Generation Z ist am Heranreifen. Und wer weiss, vielleicht werden sie die Bürde zu tragen haben, uns zu «rebooten».
Zurücksetzen.
Alles auf Anfang.