Verdichtung

Verdichtete Texte haben wie alle Dinge im Leben zwei Seiten. Erstens sind sie viel zu kurz, um ganze Bücher damit füllen zu können. Zweitens lassen sie sich nicht wie einen Roman lesen. Die gute Nachricht: Verdichtete Texte kommen in ihrer Knappheit gehaltvoller, meist auch pointierter daher. Sie klingen nach – manchmal ein Leben lang – und geben zum Anlass ein zweites oder gar drittes Mal gelesen zu werden.

Für mich als Autorin bleiben Dreisatzgeschichten eine Herausforderung im Schreiballtag. Sie sind nicht, wie man denken könnte, einfach schnell hingekraxelt und auf Papier gefestigt. Wie Traubensaft in einem Holzfass müssen sie sich entfalten, um eines Tages ausgeschenkt und verköstigt zu werden.

In diesem Sinne: Ein Hoch auf das Wohl verdichteter Texte. 

Der Blinde und der Sehende
«Strand», schreist du und einige Meter weiter sagst du: «Fischer». Entfernt zu hören das heisere Kreischen eines Schwarmes Möwen. Eisiger Wind peitscht mir ins Gesicht, liebkost meine Konturen und ich sage: «Salz auf meiner Haut».

Der letzte Angeltag
Nach einer langen Zeit des Ausharrens schnappte ein Hecht nach seinem Köder. Er zappelte, wand sich, zerrte an der Angelschnur, japste nach Leben und versteifte sich, bevor er aufgab. Der Hecht indessen schaute das Ende abwartend dem Fischer und dessen Todeskampf zu, machte sich vom Hacken los und verschwand mit dem Köder im Maul in die Tiefe.

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