Neulenker unter sich oder die Destruktion der deutschen Sprache

Sprache wandelt sich. Das war immer so und wird sich auch in Zukunft nicht ändern. Die eine Reform löst die nächste ab, die Rechtschreibung wird alle paar Jahrzehnte mal über den Haufen geworfen, schon alleine des Spasses wegen. Wenn Germanistiker sich ängstigen, der Gesprächsstoff könnte ihnen irgendwann ausgehen, haben sie weit gefehlt. Sie dürfen weiterhin ihre Köpfe zusammenstecken und sich über neue Sprachphänomene wundern, beziehungsweise austauschen, so viel ist sicher. Langweilig wird es nicht, wenn es um die Sprache und ihre Wissenschaft geht. Bis dahin also alles easy.
Mit diesem Wissen im Gepäck wandle ich demnach durch Zeit und Raum, wirke oftmals schon veraltet, weil ich mit Worten hantiere, gar hinterherhinke, die heute kaum einer noch zu gebrauchen gedenkt. Die ich dennoch nicht weniger schön finde. Aber was bringt es, Worte zu benutzen, die der heutigen Generation völlig fremd scheinen? Kann man dann noch schreiben, was man eigentlich sagen möchte oder muss man bereits das Gesagte transkribieren? Bis dahin also alles easy.
Aber heute, heute morgen im Parkhaus, machte ich mir zum ersten Mal in meinem Leben ernsthaft Sorgen um das Sprachgut und seine Benutzung. Den Sorgen ging folgender Dialog zwischen zwei Neulenkern voraus (beide aus dem Seitenfenster raus brüllend):

«He, Aldda!»
«Wa?»
«Mach ma wech!»
«Wasn?»
«n’Arsch!»
«Wasnfürn’ Arsch! Du bis fürn’Arsch!»
«Aldda! Schieb ab und halt’s Maul!»
«Selba!»

Liebe Menschen des 21. Jahrhunderts ich bitte inständig darum: formuliert ganze Sätze und schluckt Wortendungen nicht einfach runter, wie der letzte, unzerkaute Bissen eures Schnitzels vom Mittagessen. Ach, wie oft könnten wir Missverständnisse vermeiden. Solltet ihr vergessen oder nie gelernt haben, wie das geht, schaut es euch bei denen ab, die es noch können. Ansonsten tut mir den Gefallen und benutzt einfach eine Art Zeichensprache. Alles andere kommt etwa der Amputation eines Körperteils gleich.

P.S: Insgeheim hoffe ich ja, die Kinder der beiden jungen Männer aus dem Parkhaus mögen sie wieder finden. Die anderen Buchstaben des Alphabets. Ich hoffe, sie mögen wieder eine Sprache finden, die der Menschheit würdig ist. Eine, die uns doch noch vom Tier trennt.