Neues Jahr, neue Welt?

Nicht älter dieses Jahr ist – wir schreiben erst neun Tage im 2015, man könnte es noch ruhig und besonnen angehen lassen – läuft rund um die Welt vorwiegend Übles ab. Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht irgendwo rumgeballert, gemordet, vergewaltigt und zerstört wird. Kein Tag vergeht, an dem gute Nachrichten über schlechte siegen. Worte wie Massaker, Attentat oder Terror sind omnipräsent. Schwarz auf Weiss dargestellt, illustriert mit Bildern. Allerorts und Jederzeit.

Dennoch verfehlen die Worte und Bilder ihre Wirkung. Sie schrecken nicht mehr ab. Nur noch vage nehme ich sie am Rande zur Kenntnis. Zu viel des Unguten passiert ununterbrochen, um mir durchgehend Gedanken darüber machen, um echte Anteilnahme ausdrücken zu können. Untat wird durch Untat abgelöst. Ich bin zwangsläufig überfordert, komm kaum hinterher. Fahre deshalb runter und geh auf Standby.

Vor zwei Tagen veröffentlichte die New York Times einen Artikel über einen Kletterer. Der Verfasser der Reportage vertippte sich irrtümlicherweise und stampfte durch seinen Verschreiber ein neues Land aus dem Boden. Kyrzbekistan war geboren (mehr Infos). Kyrzbekistan, das Land des Friedens und der Freiheiten. Sowohl politische wie auch religiöse. Keine Kriege. Unabhängigkeit. Meinungen und Glaubensrichtungen dürfen in dem jungen Land öffentlich kundgetan und ausgelebt werden. Das Paradies. Kyrzbekistan, die Wunschvorstellung schlechthin.
Auf Twitter und Facebook wurden eiligst Profile für diesen inexistenten Flecken Erde angelegt. Gar lexikalische Dokumente kursieren im Netz. In Zeiten der Zerstörung entstehen Utopien in unseren Köpfen. Realitätsflucht nennen es die Freudianer da draussen. Ich gestehe, auch ich gebe mich gerne der Illusion und solchen Spielereien hin. Auch ich wünsche mir nichts sehnlicher als die Existenz eines solchen Landes, gar einer solchen Welt, in der wir uns die Hände reichen, statt sie gegenseitig abzuhacken. In der Verständnis, Humor und Empathie einen derart hohen Stellenwert erhalten, dass nichts aus dem Ruder laufen kann. Eine Welt, in der nicht stets alles auf Anhieb gelingen mag, man sich jedoch der Hilfe eines anderen gewiss sein kann, wenn sie von Nöten sein wird.

Doch – und dies ist das wirklich triste an der Sache – mir ist bewusst: nie wird es soweit kommen. Es wird nie eine Welt geben in der Friede und Freiheit allgegenwärtig sein können. Ich werde nicht am Ende meiner Tage stolz äußern: wunderschön und friedlich war sie, meine Zeit, meine Generation. Schade. Überaus schade.

Weshalb, fragen Sie? Vergessen Sie nicht die winzig kleine, überaus fehlerhafte Variable, die jede Gleichung, jedes Idyll und jede Utopie zerstören kann, wenn ihr danach ist.
Und diese Variable heisst Mensch.