Der Überrest

Ich kremple
nach aussen
mein Innerstes
es zaghaft
wieder überstülpend
wie ein neu
erworbenes Kleid
zieh zurecht
was zurecht zu ziehen gilt
stets versucht
es sorgsam zu behandeln.

Der Alltag tut
sein übriges
nutzt ab
nutzt aus
bis irgendwann
nicht aufzuhalten
das Ende naht
entbehrlich bleibt
allein
der letzte Fetzen
Seele.

Im Weihnachtssturm

Retrospektiv vergleicht das Froilein das Jahr 2016 gerne mit dem Glas Wasser auf dem Tisch, welches man versehentlich umstösst und sich dabei denkt: Verdammt schade.

In genau sieben Tagen wird 2016 ad acta gelegt und “unter ferner liefen” irgendwo weit hinten in der Weltbibliothek unauffindbar verstaut werden. Aus den Augen, aus dem Sinn, so die Verdrängstrategie. Nein, es ist nicht zu leugnen: etliche unschöne Dinge sind passiert in diesem Jahr. Dinge, die traurig stimmen, sich nicht so leicht reparieren lassen. Fern unserer sicheren Heimat wurden ganze Städte dem Erdboden gleich gemacht. Solche, die über Jahrtausende aufgebaut worden waren und deren Träume nun eine einzige Generation zerschlug. Unzählige Menschen befinden sich noch immer auf der Flucht. Auf der Flucht vor all dem Bösen, das wiederum von anderen Menschen ausgeht. Sie sind weder hier noch dort zu Hause, leben in Zwischenwelten. Hoffen und bangen, kämpfen ums Überleben. Hass überrumpelt Güte, wo er nur kann. Die Kluft zwischen fremd und nichtfremd wird von Tag zu Tag grösser. Wer diese Kluft zu überwinden versucht, wird in der Regel bestraft. Wer hineinfällt, hat eh verloren. Die Gründe für all diese Dinge mögen vielschichtig sein, sind vielleicht sogar erklärbar. Zu verstehen trotzdem nicht.

Vor zweihundert Jahren schrieb Johann W. Wilms: “Man sagt, heute sei Neujahr. Punkt 24 Uhr sei die Grenze zwischen dem alten und dem neuen Jahr. Aber so einfach ist das nicht. Ob ein Jahr neu wird, liegt nicht am Kalender, nicht an der Uhr. Ob ein Jahr neu wird, liegt an uns. Ob wir es neu machen, ob wir neu anfangen zu denken, ob wir neu anfangen zu sprechen, ob wir neu anfangen zu leben.”

Ja. Es liegt an und in uns. Es ist nie zu spät. Für gar nichts. Geben wir  2017, was es verdient. Eine Gesellschaft, die endlich lernt, sich gegenseitig zu respektieren. In diesem Sinne, geschätzte Leserschaft, wünscht das Froilein mit dem diesjährigen Weihnachtsgedicht allen da draussen geruhsame Feiertage. Mögen Zuversicht, Gelassenheit und dieser winzige Funke Humor, der für den Alltag von immenser Wichtigkeit ist, unsere Wegbegleiter sein, uns für eine friedvolle(re) Zukunft den Weg ebnen.

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In stürmischen Zeiten
der Stille
ermöglichen
sich ihren Platz zu suchen
um diese eine kleine Lücke
in unseren Herzen
unseren Gedanken
mit Frieden zu füllen.

Erkennen
dass Weihnachten
in uns ruht.
Heute
morgen
in jedem Augenblick.

(K.Hrup, 2016)

 

 

Trilogie im Park

Letztens verbrachte ich auf einer Bank sitzend an einem der wärmsten Spätsommerabende des Jahres eine Weile im Park. Ich wartete.

Auf jemanden oder etwas zu warten, ist verpönt. Warten wird mit Faulheit, Nichtstun und Langeweile gleichgesetzt. Warten bedeutet «Zeit totschlagen». Und schliesslich ist Zeit auch Geld. Nicht umsonst sind wir so stolz auf unsere Punktgenauigkeit. Kein Quantum an Zeit soll vergeudet und bis zur letzten Sekunde mit nützlicherem als Warten aus- oder aufgefüllt sein.

Oft vergessen wir – in der Regel, weil man gerade nichts mit der Wartezeit oder sich selber anzufangen weiss – dass beim Warten sich die Welt weiter dreht. Dass Dinge geschehen. Um uns herum und auch mit uns. 
Weshalb also nicht zulassen, nächstes Mal beim Warten die Gedanken auf Reisen zu schicken, statt zwanghaft ständig auf die Uhr zu schauen? Ich verrate Ihnen etwas: Diese Zeit, sie vergeht wie im Fluge.

8 mal 10 Meter

Artenvielfalt auf zwei Beinen
nicht grösser als einszehn
immer wieder
friedlich miteinander ringend
Staub wird wortlos abgeklopft
übrig bleiben Gesten
eine Umarmung
die heilt
Vielleicht auch zwei.

Um gleich darauf
Die nächste kleine Welt
zu erobern
hinabzutauchen
in die Tiefen
der unberührten Fantasie
Stets im Schutz der Linden
Sie spenden Schatten
wie auch Zeit.

Aussen vor die Grossen
einssechzig oder mehr
erstarrt in Zeit und Raum
sie fürchten sich davor
auch nur einen Fuss
in diese Welt zu stellen
die einer Seifenblase gleicht
die Grenzen ziehen
wo keine sind.

Gedankenreise

Ich wollte,
ich könnte
hinter deine Fassade gucken.
Immer dann,
wenn du durch mich hindurchblickst,
als wäre ich
nicht existent.
Immer dann,
wenn deine Augen offen sind für all das
da draussen.
Was gäbe ich für diesen einen
Gedanken,
der in dir reift.
Den einen unter vielen.

Auf der Parkbank

Spätsommerlicht tropft
wie Honig durchs Laub
ergiesset sich im Schwall
über die Wiese.

Meine Gedanken hüpfen
sind drunter und drüber
werden fortgezogen
wieder angespült.

Währenddessen
fünf Spatzen
zupfen, zerren, zerlegen
ein Blatt Papier.

In kleinste Einzelteile
welche jemand erst vor kurzem
noch zusammen fügte
mit Liebe oder auch nicht.

Sie erheben sich
beim nächsten Windstoss
tun es den Spatzen gleich
über die Wipfel hinweg.

Mein Blick, der ihnen folgt
verfängt sich in den Ästen
der Linde
bleibt dort sitzen.

Und ruht sich aus.

Durchwacht

Verfangen in den Ästen einer Birke
kokettierst du
mit der Dunkelheit
wirfst lange Schatten in die Nacht
vergeblich versuche ich
dich zu befreien

Doch sachte löst du dich
Ganz selbst aus der Umarmung
Auch diese Nacht, wie die zuvor und die, die folgt
Entschwindest aus den Augenwinkeln
Schleichst dich davon
Kein Berg bleibt ungeküsst

mein Flehen überhörend
lasse ich dich ziehen
denn wenn der Schlaf mich endlich einhüllt
wie eine Decke
weich und warm
träume ich von dir und einem Wiederseh’n

Im Gespräch

Gehen zwei Freunde beiseite her
sagt der eine zum andern
das Leben ist schwer.

Erklärt der andere dem einen
während sie schlendern
du sollst hier nicht weinen.

Wie wahr, so viel gibt’s zu machen
sagt der eine zum andern
so wandern sie weiter und lachen.