Durchwacht

Verfangen in den Ästen einer Birke
kokettierst du
mit der Dunkelheit
wirfst lange Schatten in die Nacht
vergeblich versuche ich
dich zu befreien

Doch sachte löst du dich
Ganz selbst aus der Umarmung
Auch diese Nacht, wie die zuvor und die, die folgt
Entschwindest aus den Augenwinkeln
Schleichst dich davon
Kein Berg bleibt ungeküsst

mein Flehen überhörend
lasse ich dich ziehen
denn wenn der Schlaf mich endlich einhüllt
wie eine Decke
weich und warm
träume ich von dir und einem Wiederseh’n

Im Gespräch

Gehen zwei Freunde beiseite her
sagt der eine zum andern
das Leben ist schwer.

Erklärt der andere dem einen
während sie schlendern
du sollst hier nicht weinen.

Wie wahr, so viel gibt’s zu machen
sagt der eine zum andern
so wandern sie weiter und lachen.

Verletzter Ozean

Das Froilein ist die Tage ein bisschen melancholisch gestimmt. Dieser Zustand verleitet sie in der Regel zum Verfassen von lyrischen Texten. Wer sich das nicht antun will, sei beruhigt. Das Froilein produziert auch anderes.

Ein Wort von
Ein Gedanke an
Ein Bild im
Eine Erinnerung um

Verdrängtes
An der Oberfläche
Aufgewühlt und ausgeliefert
Hin- und hergeworfen

Präsent
Im Schmerz vergangener Tage
Sehnlichst erwartet
Ihr Untergang

Vakuum

Nichts                                                                                                                  von
kommt                                                                                                                 Nichts

                                                              ist Seele

Geht ins                                                                                                                was
Nichts                                                                                                                   bleibt

Im Hinblick auf die Ereignisse der vergangenen Wochen musste oder durfte ich mich der Ohnmacht hingeben, keine Worte für Geschehenes zu finden. Auf einmal schien die Tätigkeit des Schreibens zu banal, zu nutzlos. Auch heute noch stolpere ich über Formulierungen, die nicht trivial und abgedroschen erscheinen mögen, immer in der Hoffnung etwas Gutes daraus zu schaffen.

Einmal mehr hat mir diese Ohnmacht gezeigt: Worte sind stark. Jedes einzelne spielt eine Rolle, kann andere tragen, andere formen. Ein Wort trifft das Nächste. Zusammen bilden sie Sätze, deren Inhalt andere Worte, andere Sätze nach sich ziehen. Ein Wort baut auf das Andere, bis ein Gerüst entsteht, das vieles zu halten und auszuhalten vermag. 

Manchmal dauert es eine Weile, bis die Sprache die Autorin oder den Autoren wiederfindet. Manchmal sagen weniger Worte mehr als 1000 Phrasen. Aber sie sagen was. Lasst es uns ihnen gleichtun.

Katastrophen und ihre Ausschlachtung

Tun wir’s oder tun wir’s nicht, fragt sich die Medienwelt dieser Tage. Über das Vorgehen scheinen sich längst nicht alle einig zu sein. Die Rede ist von der Veröffentlichung von Bildern und Inhalten zur aktuellen Katastrophe, bei der 150 Menschen ihr Leben verloren. Was zeigt man und was nicht? Wo fängt Pietätlosigkeit an und wo hört sie auf? Sind Schattenbilder kreisender Helikopter die sich auf Trümmerteilen abzeichnen genügend und gut? Weshalb ist gut nie gut genug? 

Es geht nicht nur um die Katastrophe. Gerade so gut könnte ein Waschbär einen Globetrotter auf Maui angefallen und zerfleischt haben, was an sich ein ziemlich grausames Bild darstellt und die menschliche Vorstellungskraft zweifelsohne aktiviert, wenn man nur schon davon hört. Seien wir ehrlich: wir sind süchtig nach Bildern und Inhalten, die grenzüberschreitend sind. Es ist wohl oder übel diese Wechselwirkung zwischen Medien und Medienempfängern, die zum Endprodukt führt.

Nichtsdestotrotz hat sich das Froilein unlängst im Studium mit dem Thema Tabu befasst. Wir mussten über ein Tabu schreiben, irgendwas, was uns schwerfällt aufs Papier zu bringen. Folgendes Gedicht entstand als persönliches Resümee:

Die Enttabuisierung der Welt

Heute
alles bloßgelegt und breitgetreten
zu viel des Wissens, kein Geheimnis mehr
Regeln und Verbote
da zum Biegen und zum Brechen.

Unantastbares weggespült
Empfindungen abgestumpft, gekrönt mit leiser Scham
so reiten wir auf Wellen der Entrüstung
hin- und hergeworfen
zwischen recht und falsch.

Zurück bleibt der Nachgeschmack
schaler Euphemismen
das einzige Tabu, so wie es scheint
das uns erhalten bleibt
aus einer fernen, verletzlichen Zeit.