Tag der Frau, Frauenstreik 2019

Sie spaltet mich. Die Angelegenheit spaltet mich in gefühlte 27’000 Stücke. Stücke, die sich miteinander und gegeneinander verschwören, weil sie sich nicht einig sind. Am Frauenstreiktag 2019 betrachte ich ein Individuum im Spiegel und sehe eine (zwie-)gespaltene Persönlichkeit. Mich. Eine Frau des 21. Jahrhunderts, die versucht Worte wie «Gleichstellung» oder «Gender-Gap» rational zu betrachten und dennoch nicht dazu in der Lage ist, bei diesen Themen jegliche Emotionalität aussen vor zu lassen.

Ich werfe einen Blick zurück: 14. Juni 1991, 1. Schweizer Frauenstreiktag. Kaum den Kinderschuhen entwachsen, verbrachte ich damals den Tag im Klassenlager. Es war die Zeit, in der wir Jugendlichen erst entdeckten, dass es da noch ein anderes «Gender» gab. Von «Gap» nicht mal der Ansatz einer Spur. Im Gegenteil: Flüggewerden und sich frei machen von Konventionen war angesagt. Das Geschlecht spielte dabei eine untergeordnete Rolle. Auf Geheiss des Lehrers bereiteten uns die Buben das Frühstück zu. Wir Mädchen fanden es toll. Die damalige Sichtweise von Gleichstellung bedeutete also, dass sich auch Mann mal hinter den Herd stellte. Hinterfragt haben wir Mädchen die Aktion nicht. Feministische Gedanken in weiter Ferne. Sonniges Wetter, frohe Gemüter, Frauenstreiktag 1991 Ende.

Fast drei Dekaden später, längst den Kinderschuhen entwachsen und sichtlich gereift in Gedanken, Worten und Werken, betrachte ich den heutigen Tag mit anderen Augen. Im Wissen, dass mehrere Frauengenerationen vor mir echt Schwerstarbeit geleistet haben, ziehe ich vor ihnen den Hut. Unvorstellbar viel Schweiss und Tränen mussten geflossen sein, Schläge und Inhaftierung stoisch hingenommen, nur um einigermassen angehört zu werden und sich frei äussern zu dürfen. Es war nicht nur ein Weg, den sie gingen, sondern darf als Leidensweg bezeichnet werden. Sie führten einen Krieg. Doch Krieg bedeutet Verluste, bedeutet gespaltene Lager und Schützengräben, aufgeteilt in Gewinner und Verlierer. Nichtsdestotrotz: diese Frauen waren es, die Meinesgleichen den heutigen Tag ermöglichen ohne strafrechtliche Konsequenzen fürchten zu müssen. Die Feministinnen der ersten Stunde verhalfen uns zu Meinungsfreiheit (und wir reden unbestritten gerne), das Recht auf Bildung, das Recht auf Wahlen, das Recht auf Selbstbestimmung bei Fragen wie Schwangerschaftsabbruch, Geburtenkontrolle und Heirat und so vielem mehr. Mögen diese Themen auch verstaubt sein, sie sind die Grundmauern, auf die der heutige Feminismus in der Schweiz aufgebaut ist und die bisweilen grobe Risse aufweisen.

Nun, in den letzten 28 Jahren hat sich in den Augen der Frauen in der Causa Gleichstellung trotz Bemühungen und verzeichnenden Erfolgen zu wenig getan. Obwohl bekannt ist, dass das weibliche Geschlecht sowohl bei der Schul- als auch bei der Ausbildung erfolgreicher ist als das männliche und die Frauenquote bei der Anzahl Doktorate über deren der Männer liegt, fehlen weibliche Personen an der Spitze. Ehrlicherweise muss man sich jedoch fragen, weshalb dieser Anschluss noch nicht oder nicht zufriedenstellend stattgefunden hat.
Rein nüchtern und realistisch betrachtet, mangelt es uns Frauen an zwei wichtigen Persönlichkeitsmerkmalen. Gesundes, starkes und bodenständiges Selbstvertrauen und das Weglassen von Selbstzweifeln. Wie oft beobachte ich, dass Männer viel selbstbewusster auftreten und sich die Frauen in dieser Hinsicht zurücknehmen und sich zunehmend verunsichert fühlen. Wie Frauen bei jeder sich ergebenden Gelegenheit an sich selbst und ihrem Tun zweifeln. Wie unglaublich oft sie ihren Wert mindern, nur um nicht aufzufallen. Für eine Karriere keine sonderlich qualitativ herausstechenden Eigenschaften.
Natürlich gibt es Beispiele davon, bei denen Frauen in Kaderpositionen von Männern ausgebootet wurden. Sie werden allzu gerne als Aufhänger benutzt. Und ich weiss, ich lehne mich weit aus dem Fenster, wenn ich sage, dass wir zuweilen den Männern unrecht tun, wenn wir sie dafür verantwortlich machen, gar dafür bestrafen, dass Wege an die Spitze ihretwegen den Frauen verwehrt bleiben. In der Tat verwehren wir sie uns oftmals selbst. Mangelndes Selbstbewusstsein und abgrundtiefe Selbstzweifel sind nur zwei der Gründe dafür. Hinzu kommt – und das ist wirklich perfide – dass es die Frauen sind, die andere Frauen be- und verurteilen, richtiggehend katalogisieren: zack – in die «Karrieregeiletussi»-Schublade gesteckt. Zack – ins «ach, du bist Vollzeit-Mami, ist das nicht unglaublich langweilig»-Fach verstaut. Zack – in den «du hast ja keine Kinder und somit keine Ahnung»-Schrank versorgt. Aus eigener Erfahrung darf ich sagen, dass Männer meine Entscheidungen – egal ob beruflich oder privat – nie in Frage gestellt, im Gegenteil, mich vielmehr dazu ermutigt haben, an meinen Zielen festzuhalten und an mich zu glauben, während es an kritischen, misstrauischen, neidischen und missmutigen Äusserungen von Frauen nie fehlte. Selbst in jüngster Vergangenheit verunsicherten mich die wertmindernden Aussagen einer Frau zu meinem Textschaffen dermassen, dass ich folgend tagelang blockiert war und mein ganzes Tun in Frage stellte.

Doch aus Fehlern können wir lernen. Noch viel wichtiger: Die Einflüsse der Gesellschaft und vor allem diejenigen der Familie prägen eine Kindheit. Mit Erschrecken stelle ich jedoch immer wieder fest, wie unglaublich überbehütet Mädchen heutzutage aufwachsen und wie rasch sie sich an die geschlechterspezifische Rolle anpassen, die ihnen selbst von Müttern, die es besser wissen müssten – ob bewusst oder unbewusst – schon im Kleinkindesalter aufgedrückt wird. Mädchen lernen auch heute noch früh, anderen zu gefallen, auf welche Weise auch immer. In einer aufgeklärten Zeit, in der dieses Thema längst ad acta gehören sollte, eine ziemlich ernüchternde Erkenntnis. Fakt ist: solange geschlechtstypische Verhaltensformen vermittelt und Stereotypen heranerzogen werden, solange benötigt es Gleichstellungsdebatten, Frauenstreiktage und Diskussionen über Lohngleichheit.

Ich hatte die Wahl. Raus an den Frauenstreiktag oder raus an die frische Luft und diesen Text schreiben. Die Leserschaft ist wohl geneigt zu fragen, weshalb sich die Schreiberin nicht zu den anderen Frauen gesellt und mit wehenden Fahnen durch die Stadt marschiert? Ehrlich währt am Längsten: An hochstilisiertem Aktionismus konnte ich noch nie und kann ich nichts Gutes abgewinnen. Auch wenn ich die Aktion in einem gewissen Ausmass sinnvoll und die Diskussion nötig finde, kann ich mich nicht voll und ganz damit identifizieren, nicht mit ganzem Herzen dabei sein. Mit Bestimmtheit wird es Genossinnen geben, die mich für mein Verhalten oder meinen Pragmatismus verunglimpfen, das ist mir bewusst. Ebenso wie mir bewusst ist, dass heute etliche Frauen mittrotten, weil es einfach «en vouge» ist, an Aktionen teilzunehmen und die Stimme zu erheben. Unter ihnen wird es auch solche geben (und die gibt es immer), die gedankenlos Parolen nachplappern. Gegebenenfalls nehmen auch Frauen aus reinem Schuldbewusstsein teil. Man will ja sein Geschlecht irgendwie vertreten und Solidarität zeigen. Doch wo bleibt da das Recht auf Selbstbestimmung und freie Meinungsäusserung, wenn aktionsbewusste Frauen andere Frauen auf irgendwelchen öffentlichen Socialmedia-Kanälen denunzieren, beleidigen und anprangern unsolidarisch zu sein, wenn sie sich nicht «hinter die Sache» stellen würden? Kann man da nicht einfach seine Klappe halten und seine Sache denken? Will ich Teil einer solch radikal angehauchten Gruppe sein, die sich ungerecht behandelt fühlt aber Andersdenkende ebenso ungerecht behandelt? Nein, will ich nicht. Demonstration ja, aber für die Sache, nicht gegen Andersdenkende egal welchen Geschlechts. Auch sie haben das Recht auf Meinungsfreiheit. Es lohnt, für Dinge einzustehen, die einem wichtig sind, an die man glaubt. Wenn man es jedoch tut, tut man es mit Anstand und Professionalität.

Im Sinne unserer Ahninnen, die so viel für uns getan haben: Lassen wir das Thema Gleichstellung in unseren Alltag einfliessen ohne gleich Anklage gegen Unbekannt zu erheben, lassen wir jeden Tag ein bisschen mehr Selbstbewusstsein in unserem Tun zu und stellen uns nicht permanent unter den Scheffel, lassen wir, wie die Geschichte zeigt, unsere Kinder wissen, dass es manchmal kleine Schritte und mehrere Jahre braucht, um Meilensteine zu erreichen, lassen wir sie wissen, dass Durchhaltewille sich lohnt und man dafür nicht über Leichen gehen oder respektlos sein muss, lassen wir die Mädchen wissen, dass es nicht existentiell ist, sich immer und überall anzupassen, allen zu gefallen und sich selbst dabei zu verlieren und nichtig zu fühlen.

«Gap» bedeutet Lücke oder Kluft. «Gender-Gap» heisst demnach die Kluft zwischen den Geschlechtern. Was ich mir für die Zukunft als Frau wünsche und hiermit auch an mein eigenes Geschlecht appelliere: Die Diskussion soll nicht als Krieg mit Gewinnern und Verlierern betrachtet werden. Kluften überwindet man mit Brücken. Mir fehlt das WIR im Kontext. Aus einem ICH ein WIR zu machen ist ein hartes Stück Arbeit. Und mit WIR meine ich nicht wir Frauen gegen euch Männer. WIR, die Gesellschaft. Frau und Mann. Ein WIR ist zusammen. Und zusammen ist man weniger allein.

Ein Leben mit Lücken

Vor etwas mehr als einem halben Jahr trennte sich das Froilein von seinem Beruf. Ein Beruf, der ihm nach 25 Jahren Tätigkeit in Fleisch und Blut übergegangen war, der ihm wie ein guter Freund auch über die schlechteren Tage hinweg geholfen hatte. Ein Beruf, dem es ehrlich zugetan war. Doch: zu ausgetreten und routiniert schienen dem Froilein die Wege des Alltags im Gesundheitswesen, zu starr erwiesen sich die Zäune, die ebendiese Wege begrenzten und es somit einschränkten, hin und wieder lausmädchenhaft auszubrechen, neue Ideen zu verwirklichen. An der kurzen Leine gehalten und nach Lust und Laune ausgeführt zu werden, erfüllte das Froilein weder mit Freude noch mit Motivation. Der Wunsch, unbekannte Pfade erkunden zu dürfen, war inniger, als der Wunsch, an alten Normen festzuhalten.
So stand es da. Mit leeren Händen – und was noch viel schlimmer war – mit schwerem Herzen. In einem Sommer voller Sonne tat sich für das Froilein plötzlich ein finsteres Nichts auf, in welches es zu fallen drohte. Plötzlich kreisten seine Gedanken um Fragen wie «kann ich mir das leisten?», «habe ich versagt?» und «weshalb habe ich versagt?», «was ist der Plan?» und «wie zum Teufel werde ich diese Lücke in meinem Lebenslauf erklären können?» Sie waren es, welche seine Sicht verdunkelten und die hellen Tage trübten.

Es hätte verreisen, all die unangenehmen Gedanken hinter sich lassen können. Doch mit Gewissheit wären sie noch da gewesen. Geduldig auf seine Rückkehr wartend. Das Froilein blieb und stellte sich. Seinen Fragen, seinen Sorgen und vor allem sich selbst.
Die Tage und Nächte plätscherten dahin. Die profanen Dinge des Alltags lenkten das Froilein ab, lenkten es in eine andere Richtung. Auf einmal war sie da: Zeit. Zeit für andere Dinge und andere Aufgaben. Ein Garten wollte bestellt, das Gemüse und Obst geerntet und verarbeitet werden. Längst fällige Renovierungsarbeiten am Haus oder eine immer wieder aufgeschobene Wanderung wurden in Angriff genommen. Ein verletzter Streuner, dem Zuwendung gebührte, erhielt des Froileins Aufmerksamkeit und konnte in aller Ruhe genesen. Es ergaben sich vermehrt Besuche bei Eltern und Freunden, Platz für Kaffee und Gespräche.

Und so kam es, dass das Froilein die unbeliebte Lücke im Lebenslauf mit glücklichen Momenten aus- und auffüllte.

Neulich beim Einsortieren:

Als Studienkoordinatorin zeige ich mich verantwortlich für das Einholen der Lebensläufe der Projektmitwirkenden. Auch meinen eigenen – ebenfalls aktualisierten Lebenslauf – heftete ich unter dem Register «Curricula Vitae» ab. In jenem Moment des Abheftens, erinnerte ich mich an meine Angst, die nicht von mir abgelassen hatte, sich an mich klammerte und mich meist unerwartet aus dem Hinterhalt angriff: «Wie zum Teufel erkläre ich die Lücke in meinem Lebenslauf?»

«Curriculum» bedeutet Lehrplan. Ein «Curriculum Vitae» darf demnach als Lehrplan des Lebens bezeichnet werden. Doch was sagt der Lehrplan des Lebens über den Menschen der dahinter steckt aus? Mit wie viel Ehrgeiz er seine Ziele verfolgte, vielleicht? Zeichnet der Ausbildungsgrad automatisch den Wissenstand einer Person ab? Darf ein häufiger Wechsel der Arbeitsstelle als innovativ oder als bedenklich bezeichnet werden? Wie verhält es sich mit der Interpretation von Lücken? Gilt man automatisch als Freigeist? Faulpelz? Oder beides zu gleichen Teilen?

In der Literatur sind Leerstellen gewollt. Sie regen zum Mit- und Nachdenken an. Sie sind es, die den Leser sowohl irritieren als auch fördern. Im echten Leben, fern der Dichtkunst, zeigt die Realität, dass wir nicht mit Lücken umgehen können. Ein «Curriculum Vitae» mit Lücken wird stets weniger begünstigt wahrgenommen als ein Lebenslauf, der fein säuberlich auf 40 oder mehr Jahre chronologisch zurück verfolgbar ist. Allem Anschein vermittelt ein lückenloser Lebenslauf Sicherheit. Zumindest trügerische Gewissheit, dass die Person nichts Verrücktes oder Abwegiges angestellt hat und mit grosser Wahrscheinlichkeit auch nicht noch tun wird. Doch trügt der Schein nicht manchmal?

Kein Mensch schreibt in seinen Lebenslauf, dass da eine Lücke ist, weil er sein Leben in Ordnung bringen wollte, er eine Entziehungskur gemacht hat. Niemand schreibt, ich habe meinen Mann, meine Schwester oder gar mein eigenes Kind zu Grabe getragen und konnte für eine Weile unmöglich meinen Arbeitspflichten nachkommen. Wer erwähnt schon im Lebenslauf, dass Krebs dazwischenkam? Und in welchem steht geschrieben, dass man die demenzkranke und pflegebedürftige Mutter bis zu deren Tod begleitet hat und aus gutem Grund die Arbeit auf der Strecke blieb? Wer hält es für erwähnenswert, seinem Bruder auf dem Hof ausgeholfen zu haben, weil dieser sich plötzlich in der Situation wiedergefunden hat, sich neben der Arbeit auf dem Hof nun auch noch um seine drei Halbwaisen kümmern zu müssen?

Nun gut, Lücken können beschönigt oder auch geleugnet werden. Eine Reise zu den Urvölkern Indiens mit anschliessender Läuterung in einem nepalesischen Kloster scheint nicht nur in den Augen einiger Arbeitgeber sondern auch in den Augen unserer Gesellschaft weniger heftig, zumindest akzeptabler, zu sein, als sich zum Beispiel nach einer Chemotherapie ein Jahr Auszeit zu nehmen. Das eine kann man verstehen, gar nachvollziehen, über die andere Lücke will nicht gesprochen werden. Zu schwer die Last, die damit verbunden ist.

Besteht sie deshalb? Diese bedrückende Angst vor der Lücke im Lebenslauf? Dass zwei Seiten Papier eine ungewollte Wertigkeit widerspiegeln? Ist man automatisch auf dem Arbeitsmarkt und in den Augen einiger Mitbürger weniger wert, wenn eine Leerstelle die Chronologie unterbricht? Und ist man noch weniger wert, wenn der Inhalt der Lücke sich nicht einordnen lässt? Ist dies ein subjektives Empfinden oder bewegen wir uns tatsächlich in einem verqueren Wertesystem?
Fakt ist: niemand – auch nicht der beste und empathischste Arbeitgeber – kann zwischen den Zeilen lesen oder herausspüren, welche Person sich dahinter versteckt. Ohne persönliches Gespräch, ohne das Herantasten an einen anderen Menschen, ohne das konkrete Hinhören hat auch niemand das Recht dazu, ein Urteil zu fällen. Einen Grund sich für eine Lücke zu schämen oder sich deswegen zu grämen, den gibt es nicht. Selbst die grösste Lücke erzählt eine Geschichte.

Zeigt der Autor Mut zur Leerstelle, wird er gelobt. Er verbessert und verfeinert durch das Weglassen von Inhalt den Text. Ist dies nicht Ansporn genug? Jeder darf zu seinen Lücken stehen, egal ob sie in einem Lebenslauf, im Gedächtnis, im Herzen oder sonst wo festgehalten sind. Bisweilen verfeinern sie unser Leben. Mit Gewissheit gewinnt deswegen ein jedes an Tiefe.

Auf ein Neues

Eine lange Zeit blieb es um das Froilein still. Nicht etwa, weil das Froilein schweigen musste, sondern weil es schweigen wollte. Für das Froilein war es ein Jahr voller Abschiede und zugleich eines voller Neuanfänge. Emotionen kamen und gingen. Ebenso Ideen, die keimten und wieder verworfen wurden. Rastlosigkeit wurde durch Musse ersetzt und Spontaneität nahm den Platz von Planung ein.
So plätscherten die Tage des Froileins dahin, keiner glich dem anderen, doch jeder war dazu da, das Froilein aufzufangen, es wissen zu lassen, dass es jenseits aller Geschäftigkeit auch eine Zeit gibt – eine, die es für sich selbst benötigt und die es sich ohne zu fragen nehmen darf.
Mit diesen Worten wünsche ich der Leserschaft frohe Festtage und einen guten Start im 2019 und bedanke mich für die Treue und die Geduld. Die Stille ist es, die es uns ermöglicht, Worte zu finden, die in uns schlummern. Geben wir ihnen die Chance, gehört zu werden. Auch im neuen Jahr.

Im Jahreskreis

Einmal noch
spielt der Abschied mir
eine Schwalbe zu
umhüllt von nimmermüdem Schweigen
schlummert er zerbrechlich
scheint verloren
bis die Hoffnung keimend
ihn an der Hand nimmt
auf ein Neues
Blüten treibt

– katja hrup 2018 –

Der Stein der Erkenntnis

Drei Sätze. Ein Moment. Eine Geschichte.

[…Lene warf unentwegt Steine ins Wasser und starrte auf die Oberfläche.
Erst bei längerem Hinsehen erkannte sie, dass selbst dann, wenn der Stein aus ihrem Blickfeld verschwunden war, er schon längst auf den Grund des Sees gesunken sein musste, sich seinetwegen auf der Wasseroberfläche immer noch Kreise abzeichneten und wellenförmig ausbreiteten.
Nichts konnte die Bewegung aufhalten und Lene begriff, was alles möglich war…]

(aus «Hundstage»von Katja Hrup, unveröffentlicht)

Weitere 3SatzGeschichten können Sie sich hier zu Gemüte führen.

 

Halbzeit!

Selten hat mich ein Turnier derart wenig tangiert, wie die Fussball-Weltmeisterschaft 2018 es tut. Nicht wissenschaftlich belegte Gründe mögen wohl die Ursache hierfür sein. Darunter fallen das angenehme Sommerwetter, die (zu) verplante Freizeit oder etwa das Versäumnis mich beim Tippspiel anzumelden. Ein wesentlicher Grund jedoch ist die fehlende Teilnahme meines Lieblingsteams und der dazugehörigen musikalischen Fangemeinde. Die irren Iren fehlen: sowohl auf dem Platz, der Zuschauertribüne als auch in der Fanmeile. Denn vor sechs Jahren an der Europameisterschaft 2012 haben sie das geschafft, was bislang niemand geschafft hat: mein (Fussballer)herz höher, schneller und weiter schlagen zu lassen. Kurzum haben sie mich damals mit ihrer Begeisterung, ihrer Euphorie und ihrem Lied «the Fields of Athenry», mit dem sie im sonst verstummten Stadion zu Danzig weit über die Spielzeit hinaus ihrem Team Respekt und Liebe zollten, an der Hand genommen und damit mein Herz berührt. Die Iren haben bewiesen, dass es möglich ist, würdevoll zu verlieren und damit den grössten Gewinn zu verbuchen, der beim Sport verbucht werden kann: Fairplay.

Dieses ehrenhafte Verhalten auf und neben dem Spielfeld fehlt mir an dieser WM. Sinnfreie Aktionen von Spielern gefolgt von zeitweise wirklich dummen Äusserungen vermiesen mir die Stimmung derart, dass eine emotionale Beteiligung zum abwegigen Gedanken verkommt.
Zu oft drehen sich die Themen um Nationalismus, schizophrene Herzen, um Mehr- oder Minderwertigkeit, um Unsummen an Geld, das hin und her fliesst. Weshalb? Warum? An wen? Wir sprechen von Superlative. Von vielen Nullen – im wörtlichen, wie im übertragenen Sinn. Was sich da noch um Fussball – einen Mannschaftssport – dreht, frage ich mich?

Dass Fussball mit Politik und Macht im direkten Kontext steht, hat die Autorin bereits in anderen Beiträgen verarbeitet (hier und hier). Dass sich jetzt neben Politikern auch noch Hobby-Wissenschaftler zum Thema «Fussball» einmischen – und damit die wirklich fussballinteressierten Mitbürger, denen es um die 22 Mannen auf dem Feld und sonst um gar nichts geht, aufmischen – ist dann doch auch mir zu viel des Guten. Selbsternannte Pädagogen, Podologen, Ornitologen, Psychologen und Historiker – hier von mir auch Demagogen genannt – scheinen wie Pilze nach einem Herbstregen aus dem Boden zu schiessen, geben sich vermeintlich wortreich zu Aktionen und Themen, die sie entweder schlecht oder gar nicht recherchiert haben und verteilen schlussendlich ihren geistlosen Durchfall in Foren, die der Intelligente besser meidet. Das Schlimme daran? Die Fussball-WM 2018 verkommt zur Rassismus- und Migrationsdebatte schlechthin und entfernt sich so weit vom Thema, wie man sich nur entfernen kann.

Sollten demnach der zweiten Halbzeit die Glanzmomente ausbleiben – und ich rede hier nicht von spektakulären Toren oder Torschützenkönigen – sollte sich die WM-Spirale weiterhin in eine negativ-destruktive Richtung entwickeln, werde ich ausschalten müssen, bis die Iren eines Tages wieder dafür sorgen werden, dass ich meine Meinung zum Thema Fussball revidiere. Zwischenzeitlich gönne ich mir hin und wieder «the Fields of Athenry» aus dem Jahre 2012. Für mich nicht nur ein Lied, sondern ein Gefühl. Videobeweise dazu bestehen genug.